Der Kampf geht weiter
Aus dem Buch »Das Dämmern der Welt« von Werner Herzog
Aus dem Buch »Das Dämmern der Welt« von Werner Herzog
Zum ersten Mal sehen wir einen Anflug von Lächeln in Onodas Gesicht. Er nickt Suzuki zu, weiter, erzählen Sie weiter. Suzuki fühlt sich ermutigt. »Der Krieg ist vor neunundzwanzig Jahren zu Ende gegangen.« Regloses, nacktes Unverständnis in Onodas Gesicht. »Das kann nicht sein.«
»Japan hat im August 1945 kapituliert.«
»Der Krieg ist nicht zu Ende. Vor ein paar Tagen habe ich einen amerikanischen Flugzeugträger gesehen, begleitet von einem Zerstörer und einer Fregatte.«
»Richtung Osten«, vermutet Suzuki.
»Versuchen Sie nicht, mich zu täuschen.
Ich sehe, was ich sehe.«
Suzuki bleibt unbeirrt. »Leutnant. Die USA haben ihren größten Flottenstützpunkt im Pazifik in der Subic-Bucht. Alle Kriegsschiffe werden dort gewartet.«
»Bei der Bucht von Manila? Nur neunzig Kilometer entfernt.«
»Ja.«
»Diese Basis bestand schon zu Beginn des Krieges. Wie sollten dort amerikanische Schiffe Zugang bekommen?«
»Die USA und die Philippinen sind Alliierte.«
»Und Kampfflugzeuge, Bomber; ich sehe sie dauernd.«
»Die fliegen die Clark Air Base an, nördlich von der Bucht von Manila. Warum, darf ich Sie fragen, Leutnant, würden Einheiten von derart enormen Ausmaßen nicht die Insel Lubang hier angreifen und überrennen? Immerhin kontrolliert Lubang den Zugang zur Bucht von Manila.«
»Ich habe keinen Einblick in die Pläne des Feindes.«
»Es gibt keine Pläne, denn der Krieg ist vorüber.«
Onoda kämpft einen Moment mit sich selbst. Dann steht er langsam auf, tritt einen Schritt auf Suzuki zu und drückt ihm die Mündung seines Gewehrs zwischen die Augenbrauen.
»Sagen Sie mir die Wahrheit. Jetzt ist die Zeit gekommen.«
»Leutnant, ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Ich fände es nur deprimierend, zu sterben, wenn ich doch die Wahrheit sage.«
Diese Nacht wird zur längsten aller Nächte, im Schock für Onoda, der von Zweifeln und Einsichten hin- und hergerissen ist. Nach außen aber zeigt er keine Bewegung, sein Gesicht bleibt versteinert. Atombomben auf zwei japanische Städte, hunderttausend Tote auf einmal? Eine Waffe, die irgendetwas mit freiwerdender Energie bei der Spaltung von Atomen zu tun hat. Wie denn das? Suzuki fehlt das technische Wissen, es zu erklären. Andere Länder hätten sie inzwischen auch, diese Bombe. Das vorhandene Arsenal sei so machtvoll, dass es jeden Bewohner unseres Planeten nicht einmal oder zweimal töten könnte, sondern tausendzweihundertvierzigmal. Für Onoda ist das mit der Logik des Krieges, mit der Logik jedes denkbaren Krieges, auch denen der Zukunft, unvereinbar. Was denn geschehen sei, nachdem angeblich die Bomben auf Japan geworfen wurden, will Onoda wissen. Das sei wie gesagt 1945 gewesen, August 1945. Japan habe bedingungslos kapituliert. Der Kaiser habe über das Radio eine Ansprache an das Volk gehalten. Niemand habe bis dahin jemals seine Stimme gehört. Er habe auch erklärt, kein lebender Gott zu sein. Diese Aussage ist so undenkbar für Onoda, dass er sie als Beweis dafür nimmt, dass Suzuki mit dem Auftrag hier sein muss, ihn zu täuschen. Er bohrt seine Gewehrmündung wieder zwischen Suzukis Augen.
»Die Wahrheit ist, dass der Krieg niemals aufgehört hat. Die Schauplätze haben sich nur verlagert.«
Aber Suzuki bleibt unbeirrt. »Im Westen hat Deutschland den Krieg verloren. Die Kapitulation dort kam sogar schon Monate vor der Japans.«
»Nein«, sagt Onoda, »der Krieg ging weiter, er ging im Westen weiter. Was ich gesehen habe, ist mein Beweis.«
»Beweis. Welcher Beweis?«
»Ich sah Welle über Welle von amerikanischen Kriegsflugzeugen über mich fliegen. Genau hier, genau in diese Richtung. Nach Westen.«
»Wann war das?«
»Es hat Jahre gedauert.«
»Beginnend wann?«
»1950. Bomber und auch Truppentransporter, Kriegsschiffe.«
»Das war der Koreakrieg.«
»Koreakrieg? Was für ein Koreakrieg? Korea gehört uns.«
»Die Kommunisten warfen Japan hinaus. Dann begannen die USA einen Krieg gegen die Kommunisten.«
»Und Amerika hat offensichtlich den Krieg verloren.«
»Halb verloren, halb gewonnen. Korea ist heute in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden geteilt.«
Onoda hat Mühe, so viel auf einmal zu verarbeiten.
»Aber die Bewegungen der Kampfflugzeuge, sie hörten nie auf.«
»Was für Flugzeuge? Wann?«
»Immer mit Zielen weiter im Westen. Amerikanische Bomber direkt über meinem Kopf. Es wurden immer mehr, ab 1965 in gewaltigen Formationen. Dazu noch ganze Flottenverbände, immer größer, immer mehr. Und Sie wollen mir einreden, dass der Krieg eines Tages zu Ende war?«
»Das war der Vietnamkrieg.«
»Der was?«
Onoda lehnt sich zurück. Die Nacht wird lang. Die Zikaden, gleichgültig darüber, was Krieg ist und was Frieden, wie und von wem welche Namen den Kriegen gegeben werden, verstärken wieder ihr monotones Schreien, dies jetzt ist ihr Krieg, vielleicht auch ihre Friedensverhandlung, die wir ebenso wenig verstehen. Der Mond. Das frühe Licht des heraufziehenden Tages macht ihn noch blasser, ein Gestirn ohne tieferen Sinn, und das seit Ewigkeiten, bevor es Menschen gab. Als sei es eine Verschwörung ohne Absprache, blicken Onoda und Suzuki gleichzeitig zu ihm hinauf. »Menschen waren auf dem Mond«, sagt Suzuki leise, als wolle er behutsam nicht zu viel Schockierendes auf einmal preisgeben.
»Wann? Wie?«
»Das ist weniger als fünf Jahre her. Man hat Raketen und Raumkapseln verwendet, zum Schutz der fliegenden Astronauten. Ich sage es nicht gern, aber es waren Astronauten der Amerikaner, unseres früheren Feindes.«
»Amerika ist noch immer unser Feind.«
»Nicht mehr wirklich. Sie kamen sogar zu unseren Olympischen Spielen.«
»Ich weiß von den Spielen«, sagt Onoda.
»Wie das?«, wundert sich Suzuki.
»Feindliche Agenten haben an mehreren Stellen, verstreut über die gesamte Insel, sorgfältig fabrizierte japanische Zeitungen ausgelegt. Manches davon sah glaubwürdig aus, aber es hatte nur den Zweck, mich aus dem Dschungel zu locken.«
Onoda schweigt für einen langen Moment. »Ich werde meinen Krieg fortsetzen. Ich habe jetzt dreißig Jahre gekämpft und habe noch viele Jahre mehr in mir.«