DER WERT VON NICHTS
Gloria wusste auch nicht warum, aber sie rief ihm hinterher. »Hallo«, und ihre Füße setzten sich wie automatisch in den dummen Timberlands in Bewegung. Dabei – sie hatte doch das Geld in ihrer Hand. Dreihundert Euro, ohne Mehrwertsteuer und ohne Gegenleistung. Und trotzdem. Sie lief die Treppe hinunter, rief laut: »Warte, warte doch«. Warum tat sie das nur? Wahrscheinlich war sie einfach nicht ganz bei Sinnen. Es musste an der Aufregung liegen, über diese neue Situation, und an den Schmerztabletten, die sie sich momentan in rauen Mengen zuführte wegen der Entzündung an ihrem Schneidezahn. Was hatte die Zahnärztin gestern gesagt? »Wir überweisen Sie an einen Experten, aber das ist privat, da kostet das Erstgespräch fünfhundert Euro«, und Gloriahatte nur genickt wie ein Schaf. Sie wusste ja, dass Schafe gar nicht mit dem Kopf nickten, aber würden sie es tun, dann eben genauso wie Gloria in dem Zahnarztstuhl, den Blick stirnrunzelnd auf das Röntgenbild gerichtet, und eben brav nickend, als ob sie auch nur ansatzweise irgendetwas von dem verstünde, was die Ärztin ihr dort zeigte. Dabei konnte sie natürlich nichts erkennen, und was für die Ärztin »gut« aussah, ein ordentlich behandelter Wurzelkanal, war für Gloria ein heller Streifen, und der kleine, dunkle Punkt, den die Ärztin wiederum »nicht ganz so beruhigend« fand, war für Gloria nichts, nicht mal ein Schatten.
Gloria hörte die Haustür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen und mit einmal Mal wurde sie träge. Ihr Körper fühlte sich bleischwer an und sie stieg laut atmend die Treppen wieder nach oben. Sie seufzte und schloss die Wohnungstür hinter sich. Warum seufzte sie? Das war nun wirklich leicht verdientes Geld, aber aus irgendeinem Grund war sie trotzdem enttäuscht, obwohl, enttäuscht vielleicht nicht, aber sie fühlte sich leer. Sie wollte sofort Anna schreiben, gleichzeitig hatte sie Angst vor Annas Urteil. Anna würde nicht verstehen, wie sie sich leer fühlen konnte, obwohl das eben doch wirklich das Best-Case-Szenario gewesen war. In Wahrheit hätte sie sowieso nicht gewusst, was sie dem hübschen Mann hätte sagen sollen. Sicher, sie hatte sich bei Amazon diese schlecht bedruckten Tarotkarten bestellt und mit einem Stück Holz dieWohnung ausgeräuchert. Sie hatte sich ein Video auf Instagram über das keltische Kreuz angeschaut, wie man die Karten richtig legen musste. Aber sie war so wenig spirituell, dass sie tief in sich drin gedacht hatte: Das muss doch auffallen, dass ich der größte Scam bin, seit »Hallo Mama, ich habe mein Handy verloren«, und auch wenn Anna ihr weismachen wollte, dass genau darin eben der Reiz läge, »eine komplett nichtspirituelle spirituelle Beratung, verstehst du?«, war es ihr trotzdem falsch vorgekommen. Dabei war Gloria wirklich niemand, der das Leben in richtig oder falsch einteilte.
Es klingelte an der Tür und weil Gloria so nah an ihr stand, oder weil sie so in Gedanken versunken war, ganz genau konnte sie es später auch nicht mehr sagen, drückte sie ohne lange nachzudenken auf den Öffner, nur um sich eine Sekunde später panisch zu fragen, warum sie das gemacht hatte. Wer könnte das sein? Anna arbeitete und sonst kam niemand einfach so vorbei. Sie waren alle ein Haufen Millenials, die nicht erwachsen werden wollten. Sie warnten sich sogar gegenseitig, bevor sie einander anriefen, und natürlich würden sie auf gar keinen Fall einfach so spontan vorbeikommen. Konnte es Xavi sein? Bitte nicht, lieber Gott, bitte nicht Xavi, kam es Gloria in den Kopf und wenn sie schon den lieben Gott mit hineinzog, dann war ja klar, wie absurd wichtig ihre Bitte war. Gott wurde natürlich auch deshalb mit hineingezogen, weil ein Teil in Gloria ganz laut: »bitte nicht Xavi« rief, aber ein anderer Teil, vielleicht der größere sogar, ausrief: »Hoffentlich ist es Xavi.« Und wann sollte man sich sonst an Gott wenden, dachte sich Gloria, wenn nicht in dieser Situation, wo man sich das eine wünscht, aber weiß, das andere ist das Vernünftigere?
Schwungvoll und so elegant wie möglich (Gloria war sich jetzt sicher, es konnte nur Xavi sein) öffnete sie die Türe. Was sie dann sah, erstaunte sie. Es erstaunte sie vor allem, weil es sie nicht hätte erstaunen sollen. Er war wieder da. »Na gut«, sagte der junge, hübsche Mann, der ihr noch vor ein paar Minuten die dreihundert Euro in die Hand gedrückt hatte, »ich bin’s wieder«. Und Gloria nickte, dabei war es natürlich komplett unnötig, dass er das sagte, »ich bin’s wieder«. Genauso unnötig war allerdings auch, dass sie nickte.
»Komm doch rein«, sagte sie und machte eine ausladende, eine Spur zu ausladende Handbewegung, wobei sie mit ihrer Hand die Lampe am Eingangstisch umstieß, die laut klirrend zu Boden fiel. Der junge, hübsche Mann sah einen Moment so aus, als würde er überlegen, sein Geld zurückzuverlangen. Vielleicht war ihm die Beratung einer so tollpatschigen Esoterikerin nun doch etwas zu weltlich. Gloria merkte das sofort, räusperte sich und sprach mit ihrer tiefsten, rauchigsten Stimme (dem gelben Pueblo-Tabak sei Dank):
»Willkommen. In meiner Scherbenwelt«. »Danke«, sagte der junge, sehr hübsche Mann, und wenn es ihm zuvor zu wenig Esoterik war, dann war es ihm nun, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wahrscheinlich zu viel, dachte Gloria. Sie hatte immer schon Schwierigkeiten damit gehabt, die Dinge, das Leben, in Balance zu halten. Es war entweder tief oder hoch, schwarz oder weiß, aber nichts, dachte sie sich jetzt, was eine Tasse Kaffee nicht würde richten können. »Setz dich«, sagte sie. »Ich mach uns erst mal einen Kaffee.« Er sah sich in ihrer Wohnung um. »Das habe ich mir ganz anders vorgestellt«, sagte er, »so dunkler und weniger ...«
»Weniger?«, hakte sie nach, während sie Kaffee in den Filter schüttete. »Naja«, sagte er, »weniger Ikea, weißt du«. Sie lachte hektisch. »Ja, ja«, sagte sie, »das geht allen erst mal so«. Allen? Das geht allen so? Seit wann konnte sie so gut lügen? »Milch, Zucker?«, fragte sie schnell. »Schuss Milch gerne«, sagt er, ohne sich umzudrehen. Sie kam mit den zwei Tassen in der Hand aus der Küche und konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden, während sie auf ihn zuging. Er war groß, fast sah es so aus, als würde er in einem Puppenhaus sitzen. Sein Rücken, ihr zugewandt, war stark, sein Nacken, in dem sich blonde Locken zwirbelten, war leicht über den Tisch gebeugt und genau dort im Nacken, sie konnte es kaum glauben. Dort im Nacken hatte er. Oder hatte er nicht? Doch, sie konnte es jetzt genau sehen, je näher sie ihm kam. Und als sie fast hinter ihm war, einen Moment stehen blieb, da sah sie es jetzt. Ganz deutlich. Ja, da im Nacken, da war es, ganz klein, so klein, dass es einem vielleicht gar nicht auffiel, wenn man nicht darauf achtete. Aber es war da, ein Feuermal, genauso wie Xavi eines hatte, ein Feuermal in Form einer ... »Ich weiß gar nicht, was ich hier überhaupt mache«, begann der junge Mann zu sprechen und drehte sich jetzt mit einem
Schwung um. »Ah«, schrie er erschrocken auf, und weil er sich erschreckte, erschreckte sich auch Gloria, »Ah«, machte sie. Sie sahen sich einen Moment lang an. Und dann geschah etwas ganz und gar Seltsames.