Aus »Der Mann, der nie krank war«

Früher waren Sams Eltern mindestens einmal pro Monat in die Oper oder ins Theater gegangen. Vor allem seine Mutter glaubte an Kultur. Die Stelle, die früher einmal Gott eingenommen hatte, nahm jetzt die Kunst ein; ein zahnloser Gott, wie Sam fand, aber mit einem liebevollen Lächeln. Kunst beißt nicht. Die Bodenstewardess reicht ihm zwei Bordkarten. Eine für den Flug nach Wien und eine für den Anschlussflug nach Arbil. Sein Ticket ist vom World Wide Design Consortium in London bezahlt worden, abgekürzt WWDC.

In seinem Handgepäck, einer ledernen Umhängetasche, stecken sein Notebook, ein Plot seiner Bauzeichnung, zwei Zeichenstifte, ein Bleistift, eine Rolle Skizzenpapier und Ninas Geschenk. Nach seiner Diplomarbeit – der Entwurf eines Klosters, cum laude, kein Grund zu besonderem Stolz, sein Vater hätte nichts anderes von ihm erwartet und wäre von weniger enttäuscht gewesen –, hat er zusammen mit einem Kommilitonen ein Architekturbüro gegründet, in einer umgebauten Wohnung in der Innenstadt von Zürich. Sein Praktikum hatte er bei dem berühmten Büro Fehmer & Geverelli gemacht. Geverelli war bereits tot. Er hatte sich das Leben genommen und nur einen Zettel hinterlassen: »Meine Arbeit ist getan.« Der weltberühmte Max Fehmer aber lebte noch. Aus Pietät hatte er den Namen des Büros unverändert gelassen. Für viele junge Architekten wie Sam war Fehmer ein leuchtendes Vorbild, ein Prophet, ein Idol. Fehmer hatte gesagt: »In unserer Kultur ist Identität Fastfood. Architektur muss aber mehr sein als die Gurkenscheibe auf dem Hamburger – vielmehr die Küche, in der man die Hamburger brät. Der Architekt prägt die Identität der Nutzer seiner Gebäude, seiner Brücken, Wohn- und Bürotürme. Die Aufgabe des Architekten erschöpft sich nicht darin, den Leuten ein Dach überm Kopf zu geben, dafür genügt auch ein Zelt, dazu brauchen sie keine Architektur.« Wer Fehmer aus der Nähe kannte, wusste, dass sein Charisma mehr war als bloß ein sorgfältig gepflegter Mythos. Er war so berühmt, dass selbst Leute außerhalb seines Fachs ihn kannten. Regelmäßig erschien sein Foto in Hochglanzmagazinen. Zweimal hatte man ihn zum Weltwirtschaftsforum nach Davos eingeladen, um vor Staatsoberhäuptern und Milliardären zu sprechen. Fehmer vertrat die Meinung, dass nicht Philosophie oder Soziologie die Aufgabe hätten, die Welt zu verändern, sondern die Architektur. In einem Interview hatte er einmal geäußert: »Nur wenige kommen jemals mit Philosophie oder Soziologie in Berührung, aber jeder wird täglich mit Architektur konfrontiert. In gewissem Sinne ist jeder Mensch Architekt. Das muss dem Architekten bewusst sein, diese Verantwortung darf er nie aus den Augen verlieren.«

Sam machte es nichts aus, dass sein Praktikum zunächst vor allem daraus bestand, Fehmers Anzüge in die Reinigung zu schaffen. Ein anderer Praktikant holte sie dann wieder ab. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, das wusste er, für Max Fehmer war er bereit, vieles auf sich zu nehmen, und nach einiger Zeit bekam er zum Glück auch anspruchsvollere Aufträge.

Beim Zahnarzt hatte er einmal in einer Zeitschrift etwas über Fehmers Tochter gelesen, die mit ihrem Vater gebrochen hatte und nach Kambodscha gegangen war. Als er Fehmers Sekretärin aus Neugier einmal fragte: »Was macht seine Tochter da eigentlich?«, sagte die nur: »Über die Tochter wird hier nicht gesprochen«, und warf ihm einen Blick zu, der hätte töten können. Noch am selben Tag musste er wieder mit einem Anzug in die Reinigung, obwohl er gehofft hatte, diese Stufe des Praktikums endlich hinter sich zu haben. Die Sekretärinnen lebender Mythen waren selten Angenehme Menschen. Das kleine Architekturbüro, das Sam mit seinem ehemaligen Kommilitonen betreibt, konnte schon einige bescheidene Erfolge verbuchen, der weitaus größte davon der Entwurf eines buddhistischen Begegnungs- zentrums in Winterthur. Für jeden neuen Auftrag muss der Architekt das jeweilige soziohistorische Umfeld betrachten. Sam hatte eine ausführliche Studie erstellt, sowohl über das Verhältnis der buddhistischen Nutzer zum Zentrum als auch der Begegnungsstätte selbst zur Stadt Winterthur. Er hatte das soziohistorische Umfeld dabei gleichsam aus buddhistischer Perspektive analysiert.

So war er: engagiert und kundenorientiert, ein Architekt, der seine Aufgabe vor allem als dienend begriff. Mühelos konnte sich Sam in die Perspektive eines jeden beliebigen Auftraggebers versetzen. Vor ein paar Monaten hat er auf einer Architekturwebsite einen Aufruf entdeckt, Entwürfe für eine Oper in Bagdad einzureichen. Der Wettbewerb wurde ausgelobt von einem gewissen World Wide Design Consortium. Die Website machte einen seriösen Eindruck, enthielt aber wenig konkrete Informationen, weshalb er kurzerhand bei der Organisation anrief. Sam wurde ein paarmal weiterverbunden und bekam zuletzt Hamid Shakir Mahmoud an den Apparat, einen der Gründer des WWDCs. Mahmoud war Iraker, 1983 vor Saddam geflohen und lebte seither in seinem Londoner Exil. Jetzt, nach dem Tod des Diktators, hatte Hamid Shakir Mahmoud einen Traum: Die irakische Hauptstadt sollte eine Oper bekommen. Was das WWDC genau machte, war Sam auch nach der ausführlichen Erklärung Mahmouds nicht recht klar. Sicher war nur, dass der Mann steinreich war. Doch er war nicht nur reich, er hatte auch eine Vision: »Weißt du, Sam«, sagte er, »ich war dreimal verheiratet, ich habe fünf Kinder, zu vier davon habe ich keinen Kontakt mehr, und ich bin Kettenraucher. Ich habe nur noch einen Wunsch: Wenn die Menschen in Bagdad in die Oper gehen können, wissen wir, dass der Krieg nicht umsonst war. Puccini ist meine große Liebe, er ist kein Mozart, aber er bleibt meine große Passion. Von Wagner bekomme ich Kopfschmerzen, Mozart finde ich ergreifend, aber Puccini – Puccini rührt mich zu Tränen.«

Sam hörte, wie Hamid Shakir Mahmoud sich eine Zigarette anzündete. »Ja«, sagte Sam. »Das kann ich mir vorstellen.« Seine Mutter hörte ab und zu Puccini. Er begann sich zu fragen, ob er das Verhältnis von Opernbesucher und Gebäude nun aus Puccinis Perspektive analysieren müsse, oder ob die Perspektive des Krieges vielleicht die bessere wäre. Über Krieg hatte Sam bisher nicht allzu oft nachgedacht, doch wenn es nötig wäre, könnte er sich auch in dieses Thema vertiefen. Hamid Shakir Mahmoud wollte den Menschen in Bagdad etwas ästhetisch Wertvolles schenken, einen Beitrag leisten zur Wiederherstellung der Einheit seines Landes. Schönheit war ein gemeinschaftsförderndes Ideal, und Oper hatte etwas Unvergängliches, das einen das Elend des Krieges, der alltäglichen Korruption und schmutzigen Machtpolitik vergessen zu lassen vermochte. Er, Samarendra Ambani, würde diesem großherzigen Wunsch eine Gestalt geben. Unentgeltlich zunächst, was die Bewerbung anging, weil wahre Schönheit nicht mit eigennützigen Zwecken verbunden sein durfte.

Sam hatte das Kriegsgeschehen im Irak grob mitverfolgt, er las relativ pflichtbewusst Zeitung, doch er hatte sich nie der Illusion hingegeben, dort irgendetwas bewirken zu können oder mit den Geschehnissen etwas zu tun zu haben. Das Gespräch mit Hamid Shakir Mahmoud aber öffnete ihm die Augen: Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, tatsächlich etwas zu einer positiven Entwicklung beitragen zu können. Kriege zerstören Menschen und Häuser. Architekten bauen Häuser, ihr Verhältnis zum Krieg ist vergleichbar mit dem des Arztes zum Tod.

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