EVERYTHING IS ALIVE
ALLES LEBT
T Ian Chillag
F Stephan Valentin
T Ian Chillag
F Stephan Valentin
I Ian
V Vinny
V Ich bin Vinny und ich bin ein Snackautomat.
I Hi Vinny, erzähl mir doch, wo du wohnst.
V Ja, also ich wohne in einem kleinen Büro, in einem Eck. Es ist quasi ein Ableger des Pausenraums. Dort wohne ich mit zwei anderen Automaten zusammen.
I Was ist das für ein Büro?
V Ich hab’s noch nie gesehen. Ich habe meine Vermutungen. Ich höre Computer, ich höre einen Drucker. Ab und zu gibt es eine Geburtstagsfeier, und ich höre ein gedämpftes »Happy Birthday« durch die Wände, was ganz nett ist. Ich vermute, sie betreiben hauptsächlich Business.
I Business?
V Reines Business. Es ist kein Vergnügen. Definitiv Business.
I Sprechen wir doch mal über die Leute im Büro. Die Leute, die dich benutzen, sind die …
V Nein, tut mir leid, aber das Wort geht gar nicht.
I Es hat sich auch falsch angefühlt. Was wäre der richtige Begriff?
V Das Ganze ist weniger eine Benutzung als vielmehr eine Transaktion. Ich betrachte sie als meine Stammkund:innen.
I Verstehe.
V Da ist etwa Nancy, die manchmal schwierige Telefonate führen muss. Wegen der aktuellen Wirtschaftslage musste sie leider einige Mitarbeiter:innen entlassen. Danach kommt sie in der Regel in den Pausenraum und steht minutenlang vor mir und Überlegt – A1, A2, A3, A4, es gibt verschiedene Snacks zur Auswahl –, aber sie nimmt immer dasselbe: Cheetos. Sie holt sich eine ganze Tüte Cheetos, isst einen oder zwei und wirft den Rest weg. Jedes Mal. Ich sehe in ihren leeren Augen, dass sie eigentlich nicht dort sein will. Nancy will woanders sein, aber sie ist an dieses Büro gefesselt, genau wie ich.
I Vielleicht ist es dir unangenehm, darüber zu reden – aber kannst du mir beschreiben, wie es ist, wenn ein Snack in dir stecken bleibt?
V Natürlich. Ist mir auch gar nicht unangenehm, eigentlich eine sehr ursprüngliche Sache. Du musst es so sehen: Jemand kauft einen Snack, der stecken bleibt. Während die Person mich schüttelt, entsteht ein Spannungsfeld zwischen mir, dem Automaten, und der Person, dem Kunden beziehungsweise der Kundin. Es ist ein Kampf. Wer wird die Oberhand gewinnen? Wer wird sich als Alphatier herausstellen? Wer bekommt die Belohnung? Ich lebe für den Kampf, diesen Nervenkitzel! Es passiert viel zu wenig. Ich brauche die Reibung, die Aufregung, um mich zu spüren. Wenn es passiert, genieße ich es in vollen Zügen. Und mal ehrlich: Wenn der Snack am Ende stecken bleibt und die Person geschlagen das Schlachtfeld verlässt, hatte sie ihn auch nicht wirklich verdient. Denn man darf den Kampf nie aufgeben.
I Verstehe ich dich richtig, es geht dir dabei um die Dominanz der Maschine gegenüber dem Menschen, wenn ein Snack feststeckt?
V Wir sind euch von Natur aus überlegen. Es ist kein fairer Kampf, aber ich freue mich trotzdem jedes Mal aufs Neue, wenn ein Snack feststeckt. Man darf es allerdings auch nicht übertreiben. Einen Vorfall gab es, bei dem ich tatsächlich auf jemanden gefallen bin.
I Du meinst, auf ihn reingefallen? Was ist passiert?
V Nein, ich bin auf diese Person gefallen. Der Snack hatte sich verklemmt, und dann schüttelte man mich hin und her. Und es überkam mich: »Nein, nein, nein! Den Leckerbissen kriegst du nicht.« Ich kippelte nach hinten und wieder nach vorn. Und wieder nach hinten. Und dann, mit einer Wucht, kippte ich ganz nach vorn. Dieser arme Kerl erlag mir und quiekte wie ein Meerschweinchen unter meinem Gewicht. Und das alles nur wegen Chips. Beide Beine hat er sich gebrochen. Fühlte sich danach nicht mehr so funny-frisch.
I Ist er ...?
V Ja. O ja. Er ist zurückgekehrt. Aber er war vorsichtiger. Wird es zwischen uns jemals wieder klemmen? Vielleicht. Und dann weiß ich, dass er alles riskieren würde. Ich sehe es in seinen Augen.
I Wie fühlt es sich an, wenn deine Knöpfe gedrückt werden?
V Aufregend. Pure Anspannung. Ab dem ersten Knopf bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, man braucht ja mindestens zwei Knopfdrücke bis zur Auswahl. Ein echter Cliffhanger ist es, darauf zu warten, welcher Snack gewählt wird. Ich mag das sehr gern.
I Das ist wie wenn ich ein Buch lese, das ich wirklich liebe! Dann habe ich dieses paradoxe Gefühl, unbedingt das Ende wissen zu wollen, und gleichzeitig möchte ich nicht, dass die Geschichte aufhört.
V Mhm.
I Aber mir ist auch bewusst, dass es vorbei sein wird, wenn ich das Ende erreiche, und ich dann nicht mehr in der Welt des Buches leben werde – es ist also ein ständiges Hin und Her zwischen dem, was ich will und was nicht.
V Was runtergeht, muss auch wieder runterkommen. Wenn es aus mir herauspurzelt, ist die Interaktion vorbei. Der Verkauf ist abgeschlossen und meine Rolle erfüllt. Ich weiß, sie kommen wieder, unweigerlich kommen sie alle wieder. In dieser kurzen Zeit bin ich alles, worauf sie sich konzentrieren.
I Der Spruch lautet doch eigentlich: »Was hochgeht, muss auch wieder runterkommen.«
V Das macht doch keinen Sinn. Wie soll man seinen Snack essen, wenn er hochgeht? Er muss logischerweise runterkommen. Die Snacks sind ja schon oben. Es geht nur nach unten.
I Vinny, du hast so viele verschiedene Dinge in dir.
V Tja.
I Was ist das Wichtigste, was du verkaufst?
V Seien wir mal ehrlich: Das meiste ist nicht besonders wichtig. Wer braucht denn wirklich Nachos mit Sourcream- und Zwiebelgeschmack? Ich verstehe nicht, wieso man uns so limitiert. Man könnte alles verkaufen. Zukünftig, nach meiner Generalüberholung, möchte ich das Leben selbst verkaufen.
I Wie bitte?
V Ja. Ich würde gerne Säuglinge verkaufen.
I Babys aus dem Automaten.
V So eine Auswahl an Babys, aber eine kleine, feine. Die Babys selber würden auch klein sein und ich würde gut auf sie aufpassen. In Kochsalzbeuteln würden sie länger halten. Und sorgfältig beschriften würde ich sie: Das wird ein fröhliches Kind. Das wird eher ein mürrisches Kind. Dies ist ein fieses Baby. Alle unterschiedlich. Und man kann sich aussuchen, welche Art Baby man möchte.
I Wenn jemand also beschließt, ein Baby haben zu wollen, gibt es ja verschiedene Wege dorthin. Einer wäre demnach zukünftig, mit seinem Kinderwunsch und etwas Kleingeld auf dich zukommen?
V Klar! Es sollte schon erschwinglich bleiben.
I Vinny, woher kommen Babys?
V Von mir.
I Tatsache?
V Ich will mich da gar nicht festlegen. Es könnten auch kleine Rentner:innen sein. Nicht jede:r will schließlich Kinder haben. Aber vielleicht hat man ja mal Lust auf einen klitzekleinen Opi. Ich würde alles und jeden verkaufen, solange es in mich reinpasst. Aber um deine ursprüngliche Frage zu beantworten: Auf der ganzen Welt gibt es keinen Automaten, der etwas wirklich Wichtiges in sich trägt.
I Einmal ist jemand mit seinem Arm in dir stecken geblieben, stimmt das?
V Ich muss immer wieder mit Opportunist:innen klarkommen, die mich ausbeuten möchten. Ein besonders gewieftes Kerlchen ist tatsächlich in meine Öffnung eingedrungen, hat einfach so meine Klappe aufgerissen und reingefasst. Nicht schön. Was mir aber doch daran gefallen hat, ist, dass sein Arm im Neunzig-Grad-Winkel stecken blieb. Im Kampf muss man einen klaren Kopf bewahren. Die Intelligenz siegt immer, und er, nun ja, hat das am Feierabend versucht, an einem Freitag: nicht sehr intelligent. Zwei Tage später wurde er geborgen.
I Er saß da zwei Tage lang mit seinem Arm, …
V Ja.
I … bis man ihn gefunden hat?
V Zuerst kam der Durst. Ich sah das Leuchten des Getränkeautomaten in seinen Augen gespiegelt, es mischte sich mit einem unglaublichen Verlangen. Ehe er sich versah, hing er mit beiden Armen in zwei separaten Automaten. Als ob er Drei-D-Twister spielen würde. Er war das ganze Wochenende im Büro eingespannt. So ein Tag ohne Wasser und man fängt an zu halluzinieren. Er sprach mit seiner Mutter, mit toten Filmstars. Irgendwann fragte er laut, ob er seinen Arm einfach abschneiden sollte, ging aber nicht, weil er dafür keine Hand frei hatte. Haha.
I Er hatte noch zwei Beine frei.
V Mit denen hat er auch um sich getreten wie ein Wilder. Einen Rabatz hat er gemacht. Als man ihn aber endlich entdeckte,tat er ganz entspannt. Als ob er gerade seinen Arme reingesteckt hätte. Allerdings war es schon sehr offensichtlich, dass er länger dort hing. Sein insgesamtes Aussehen war … schwierig. Hohle Augen, volle Hosen. Er hat auf dem Teppich Bremsspuren hinterlassen. Die konnte er nicht so einfach leugnen.
I Du leuchtest richtig, wenn du darüber redest. Also dein Display leuchtet.
V Alles ist markiert, alles hat seinen Platz. Man nennt das Grid Culture.
I Grid Culture?
V Genau. Unter Grid Culture versteht man die Methode, sich selbst und die Umwelt durch die objektiven Filter von Mathematik zu betrachten. Man dekliniert die Welt durch Buchstaben und Zahlen. So hat alles einen Sinn und alles seinen Platz. Alles ist leicht auffindbar durch eine simple Buchstaben-Zahlen- Kombination.
I Kennst du das T-Shirt von Francis Ford Coppola?
V Francis Ford Coppola?
I Dem Filmemacher.
V Nein.
I Er hat nicht nur unglaubliche tolle Filme gemacht, sondern eben auch ein T-Shirt mit einem Raster auf dem Rücken. So konnte er ganz klar definieren, wo es ihn juckte. »A6«, anstatt »weiter nach links, nein zurück, nein, ah jaaaaa«.
V Unglaublich, dass er das als Mensch so genau definieren konnte, ohne das Raster zu sehen.
I Naja – das T-Shirt hatte ein korrespondierendes Raster vorne aufgedruckt.
V Trotzdem sehr beeindruckend. Ein erster Schritt. Irgendwann wird er diese Stütze nicht mehr brauchen, er wird dann innerhalb seines einfachen Systems handeln können. Instinktiv wird er sagen können, ob er ein furchtbares Jucken in seinem F5 hat, oder es langsam in sein F6 wandert.
I Francis Ford Coppola wird wohl ein sehr verjuckter Mensch sein. Es muss einen doch unglaublich jucken, wenn man sich dafür ein T-Shirt ausdenkt.
V Womöglich. Womöglich hatte er aber auch ein besonderes Interesse daran, von anderen gekratzt zu werden, denn soweit ich es verstehe, könnt ihr Menschen euch eigentlich selbst kratzen.
I Manche Stellen sind leichter als andere.
V Aber ihr habt dafür auch Hilfsmittel: Äste, kleine Hände aus Holz oder Plastik an einem langen Stab. Mit genügend Flexibilität reichen aber sicherlich auch die Hände. Insofern musste es ihm ein besonderes Anliegen gewesen sein, von fremden Händen gekratzt zu werden. Er wollte diese Dienstleistung. Er wollte, dass jemand auf sein Raster eingeht. So geht es mir auch. Meine Bedienoberfläche, meine Grid Culture, macht erst Sinn, wenn sie von anderen aktiviert wird.
I Und wenn du alleine bist? Was macht man als Automat, wenn keine Konsument:innen da sind?
V Es gibt Motten. Wenn es dunkel wird und meine Lichter noch brennen, kommen die Motten. Sie sind so unglaublich dumm. Sie dotzen immer wieder an meine Scheibe. Es ist ein wunderschöner, wilder Teufelskreis. Immer und immer wieder. Ein komisches Gefühl, so begehrt zu werden. Ihr Begehren treibt sie in den Wahnsinn, und letztendlich in den Tod.
I Anders als die Menschen wollen sie nicht an deine Inhalte. Sie wollen dich, dein inneres Leuchten.
V Manchmal wünsche ich mir schon mehr als eine einfache Transaktion.