Auf Instagram gab es eine »Feminismus-Checkliste« und die habe ich, so war es wohl gedacht, an meinen Freund geschickt. Die Liste bestand aus Fragen, für die man sich Punkte geben konnte oder eben nicht. Von »Mental Load« (in der Schule oder Kita als primäre Kontaktperson registriert zu sein) über »Emotionales« (schwierige Gespräche eher aktiv zu initiieren, als das ihr zu überlassen), »Berufliches« (Einsatz für familienfreundliche Policies und diese selbst nutzen), »Bewusstsein« (Verwendest du Sprache, die alle Menschen sichtbar macht?) bis »Raumgeben« (Kennst du die Fünf-D-Methode, um bei Belästigung sicher einzugreifen?) ging es da.

Mein Freund hatte insgesamt vier Punkte (seine Zählung) beziehungsweise zwei Punkte (meine Zählung) von zwanzig möglichen. Darüber war er beleidigt. Ich muss dazu sagen, dass er ein guter Freund ist, auch einer, der viel Care macht, sehr viel, jeden Tag. Viele Kinder müssen bei uns zu Hause bekümmert und bekocht werden. Und im Kern bin ich die Faule bei uns daheim. Aber der Test war schwer, schwer fortgeschritten. Und fürs Beleidigtsein, weil die Liste nicht gut genug ausging für ihn, dafür müsste man ihm dann eigentlich trotzdem nochmal zwei Punkte zusätzlich abziehen.

»Männliche Kränkung« – ist ja auch so ein Ausdruck, den man eigentlich, wir leben im Backlash, in die Tonne treten kann. »Toxische Männlichkeit«, »Fragile Masculinity«, »Manosphere«, »Bro-Culture«. All die Worte und Kampfbegriffe, wo man bzw. Durchschnittsmann das Internet fragen muss, was sie eigentlich wirklich bedeuten. Aber ob Durchschnittsmann das macht, also das Internet fragen, bleibt fraglich, weil dafür bräuchte er ja einen Punkt bei Feminismuscheck-Frage sechzehn (Informierst du dich eigenständig über Feminismus, statt Frauen die Bildungsarbeit zu überlassen?), und ob er den hat, diesen Punkt, der Durchschnittsmann, das weiß ich nicht. Und ob er den überhaupt noch braucht, das weiß ich auch nicht, jetzt, wo alles wieder in die Eh-vorne-Richtung zurückläuft.

Wobei das eben auch so eine Frage ist, warum sich eigentlich vor allem Feministinnen mit den Kosten traditioneller Männlichkeitsbilder und Geschlechterstereotype beschäftigen, und damit auch mit all diesen Begriffen. Also warum sich für Probleme von Männlichkeit vor allem Frauen interessieren oder Männer immer nur ganz kurz, wenn was Großes los ist wie Jeffrey Epstein oder Gisèle Pelicot oder Harvey-»Einige Frauen wussten genau, was sie erwartete«-Weinstein. Oder was ist los mit Christian Ulmen? Dann ein Aufschrei. Ein Fragezeichen. Ein paar Männernewsletter und Leitartikelmänner und Podcast-Männer, die sich wundern. Und dann wenden sie sich wieder Wichtigerem zu. Also zum Beispiel Trump oder Putin oder Netanjahu oder den Mullahs oder der Fossilität oder der Straße von Hormus oder dem lieben Gott, dem wichtigsten Mann von allen. Aber was das alles mit dem Patriarchat zu tun hat – wer will das schon wissen. Dreiundachtzig Prozent der Verursacher von Unfällen mit Getöteten im Straßenverkehr in Deutschland sind männlich. Dreiundneunzig Prozent der Menschen im Gefängnis in Deutschland sind männlich. Achtzig Prozent der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland sind weiblich. Alle drei Tage passiert in Deutschland ein Femizid.

Wenn ich als Frau zum Fall Pelicot lese, oder über den 27-jährigen Studenten, genannt Yong T., dem in München gerade der Prozess gemacht wird, weil er seine Freundin über mehrere Monate hinweg mit Schlaftabletten und Narkosemitteln missbraucht und vergewaltigt hat und die Bilder davon jetzt in Chatgruppen für Gleichgesinnte und im Internet stehen – wenn ich als Frau das lese, dann lerne ich, dass ich auf Hinweise achten soll. Hinweise wie eine abnorme Müdigkeit zum Beispiel, einen sogenannten Overhang. Oder auf körperliche Spuren von mechanischen Reizungen, für die man faktisch keine Erklärung und keine Erinnerung hat. Ich stelle mir das vor wie Kratzer oder Schmerzen oder wunde Stellen im Intimbereich oder dass alles irgendwie trocken ist und dumpf und schmerzt. Ich lerne das und ich vergesse es nie wieder. Oft frage ich mich, was Männer lernen, wenn sie von Pelicot lesen, oder von dem in München angeklagten Studenten, der im Prozess sagt, dass er schlafende Frauen schon immer schön gefunden habe. Ich frage mich das und ich frage sie auch, also die Männer, die um mich herum sind. Und die, die ich frage, gute Männer, meine Männer, antworten dann, dass das krass ist und schlimm und nicht zu glauben. Also wirklich schrecklich. Und dann schauen sie mich skeptisch an, als hätten sie Angst, dass ich will, dass jetzt noch was kommt. Als hätten sie Sorge, dass ich verlange, dass sie mir erklären, ob das was mit ihnen selbst zu tun haben kann. Ob sie das sind, die Männer, das Patriarchat. Aber ich frage das nicht und ich verlange es auch nicht, weil das ja jeder nur von sich selbst verlangen muss. Weil, ganz genau nämlich, sie das sind, das Patriarchat. Aber ich bin es auch. Wir sind es ja, verdammt noch mal, alle.

Stattdessen sage ich »natürlich nicht alle Männer«, wenn ich etwas sage, »not all men«, wie mich das ankotzt, »not all men«. Aber man muss es sagen, dass habe ich gelernt, sonst schaltet die Kränkung alles aus, die Hutschnur geht hoch und die Ohren gehen zu und es ist kein Weiterreden. »Not all men« sage ich, um zu betonen, dass wirklich nicht alle gemeint sind, als sei das nicht eh klar in einem System wie dem Patriarchat, dem niemand entkommt, keine Frau, kein Mann, keine trans Person, keiner dazwischen – und jeder und jede für sich dann doch auch immer, wenn er/sie/hen will und so frei ist.

Für Männer aber ist das Patriarchat das Heimatressort. Wenn sie möchten, können sie sich da im Kern sicher fühlen. Und das ist es ja doch, worum es geht im Leben: sich sicher zu fühlen. Dem Patriarchat zu entkommen ist für einen Mann im Patriarchat also sauviel schwerer als für alle anderen und das muss man jetzt auch erst mal anerkennen. Es ist gegen seine Komfortzone, raus aus dem Land »Ich bin halt so«, dem Naturschutzgebiet der Nichtveränderung.

Also ich erkenne an, dass es schwer für Männer ist, den Vorzügen des Patriarchats zu entsagen. Ich würde mich freuen, wenn Männer im Gegenzug anerkennen könnten, dass sie sich in der Tendenz noch immer recht wenig bemühen. »München. Reiter. Passt.« steht auf den Plakaten, mit denen Dieter Reiter von der SPD in München für seine Wiederwahl geworben hat. Und ich könnte jedes Mal reintreten in dieses Plakat. Nix passt. So wahnsinnig gar nix.

Sex sei immer eine hochkomplexe Art der Kommunikation, sagt die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh aus Münster in der Süddeutschen Zeitung. Das gilt auch für sexualisierte Gewalt. Wer jemanden ausschaltet, um dann zu vergewaltigen, macht eine Person wie einen Gegenstand verfügbar. Um diese Macht von Männern gegenüber Frauen geht es im Patriarchat.

Und im Kern, das hätte ich gern, dass alle das endlich verstünden, all die Erstaunten und Überraschten und Erschrockenen, im Kern ist das doch schon die ganz simple Verbindung: Das Patriarchat ist ein strukturelles System, in dem männliches Dominanzverhalten und Kontrolle historisch bevorzugt werden. Gewalt, Besitz und Sexualität sind Mittel, um den sozialen Status abzusichern. Fürsorge und Verletzlichkeit wiederum werden bei Männern abgewertet. Dieses System wirkt unbewusst. Es steckt in Kinderehen wie im Ehegattensplitting, in den Hörspielen von den drei ??? genauso wie in hellblauen Babybodys, auf denen »Kleiner Kämpfer« steht, oder einer Sprache, in der Frauen Tussis sind und humorlos und Männer an jede Ecke einen Penis malen können, aber nicht mal im Traum eine Klitoris.

Und wie jetzt weiter? Iran lockt Fussballerinnen mit Prinzessinnen-Versprechen zur Rückkehr. Auf dem Bild liegen Mädchen mit geschwärzten Gesichtern auf dem Boden und um sie herum steht der ehemalige Prinz Andrew vom britischen Königshaus mit anderen Männern in den Armen und lacht. Eine Freundin erzählt, dass ihre Tochter von einem Lehrer »rassiges Kätzchen« genannt wird. In Cherson in der Ukraine wird bei massivem Artillerieangriff eine Entbindungsklinik zerstört. »Ich bin nicht mehr Marius, ich bin ein Monster«, sagt Marius Borg Hoiby, Sohn der norwegischen Kronprinzessin, unter Tränen vor Gericht. »Ich habe achtundneunzig Prozent meines sozialen Netzwerks verloren, und die wenigen, die ich noch habe, trauen sich nicht, mit mir auszugehen und in einem Restaurant zu essen – sie wollen nicht mit mir gesehen werden.« Im südiranischen Minab sterben über hundert Kinder und Lehrerinnen bei einem tödlichen Bombenangriff in einer Schule. Das ist jetzt. Wenn man alle und alles Jetzt in einen Topf schmeißen und kräftig umrühren würde – welche Farbe hätte die Flüssigkeit in diesem Topf? Oder wäre es eine Steinsuppe? Irgendwas blubbernd kochend Schleimiges? Jedenfalls würde es, das vermute ich leider, nach Mann riechen. Ich weiß das, dass Männer speziell riechen, besonders wenn das Testosteron um sich schießt. Ich habe drei Söhne und es gibt eine Minutenregel bei uns zu Hause, wie lange man in benutzten Sportklamotten in der Wohnung herumtigern darf, bevor man in die Dusche muss. Ich weiß, das klingt grausam, aber es ist eng bei uns daheim. Mein Vier-Punktefeministischer-Freund übrigens, der riecht toll, der hat eine neue Gesichtscreme von Vichy und die duftet nach irgendwas mit Blumen und ich empfehle allen Männern über, sagen wir, dreizehneinhalb, keine Männercremes zu benutzen, sondern weibliche Düfte, vielleicht macht das ja auf Dauer was mit der Hirnstruktur, also ich zumindest würde es mögen. Statt Tabac Original. Unverkennbare Männlichkeit & spritzige Frische. Seit 1959. Aber klar und beim Lesen nicht vergessen: not all men.

Auch das mit den Gerüchen: not all men. »Educate your sons« steht wieder auf den Plakaten, die von den Frauen wieder in die Luft gehalten werden, die zum Weltfrauentag wieder demonstrieren gehen. Männer sind wieder nur wenige da. Da steht also »Educate your sons« aber dann erziehen sich die Frauen doch seit jeher nur immer weiter selbst, weil das ja eigentlich nicht geht: die Männer zu erziehen in einem Patriarchat. Weil sie, die Männer, das ja eigentlich immer noch nur selbst hinkriegen dürfen. Weil sie das ja eigentlich schon lange hätten machen können, wenn sie gewollt hätten. Es ist ja alles da, es steht alles da, es ist alles geklärt. Sogar auf Instagram.

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