Bryan Johnsons Lebensmotto lautet: »Don’t Die«. Dafür gibt der amerikanische Unternehmer jährlich zwei Millionen Dollar aus, schluckt täglich einhundertundelf Kapseln, sammelt Stuhlproben, trägt eine Mütze, die rotes Licht auf seine Kopfhaut strahlt, schläftmit einem winzigen Jetpack am Penis, um seine nächtlichen Erektionen zu überwachen, treibt sieben Tage die Woche Sport, lässt sich per Bluttransfusion Plasma von seinem Sohn injizieren, ernährt sich strikt vegan – und das ist noch lange nicht alles.
Dreißig Mitarbeiter begleiten ihn bei diesem 2021 ins Leben gerufenen Projekt namens »Blueprint«. Jede Minute seines Tages ist durchgetaktet. All das mit einem einzigen Ziel: seinen 48-jährigen Körper einem Anti-Aging-Algorithmus zu unterwerfen und seine Organe auf den biologischen Stand eines 18-Jährigen zu bringen. Johnson, ein Self-made-Tech-Millionär, glaubt nämlich, dass der Tod inzwischen keine Notwendigkeit mehr ist, sondern ein technisches Problem, das sich lösen lässt. Er bezeichnet sich als »Rejuvenation Athlete«, also Verjüngungsathlet, und betont, das alles nicht nur für sich zu tun, sondern für die Menschheit im Allgemeinen.
Nun muss man keine Zynikerin sein, um zu vermuten, dass ein Tech-Millionär nicht komplett uneigennützig handelt. Tatsächlich verkauft sein Longevity-Start-up Blueprint eine ganze Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln, Haut- und Haarpflegeprodukten sowie Olivenöl (siebenhundertfünfzig Milliliter für fündundreißig US-Dollar!), die angeblich dabei helfen sollen, »gesunde Entzündungswerte aufrechtzuerhalten«.
Soll er natürlich machen, wie er will. Aber zwei Fragen drängen sich auf: Wenn er so gesund ist (seine biometrischen Daten und das Alter seiner einzelnen Organe sind alle auf seiner Website nachzulesen), warum sieht er dann so blass und wächsern aus? Und noch eine Frage: Wie viel hat er eigentlich von seinem Leben? Hat er Spaß und Lebensfreude auch auf dem Plan? Machen die nicht irgendwie auch das Leben aus? Was bedeutet es, lange zu leben, wenn dieses Leben vor allem aus Optimierungsroutinen, Gesundheitsdaten, Tabellen und strikten Regeln besteht?
SELBSTVERSUCHE ALS LIFETSYLE
Bryan Johnson ist natürlich ein Extremfall, aber allein ist er mit seinem Ansatz nicht. Er hat mit einigen anderen bekannten Biohackern, die alle an ihren eigenen Körpern experimentieren, zwei Dinge gemein: erstens sehr viel Geld und zweitens keine Lust, zu sterben. Der Autor Dave Asprey etwa gilt als einer der Väter des modernen Biohackings. Er ist bekannt für seinen mit Butter versetzten »Bulletproof Coffee«, hat angeblich bereits über eine Million Dollar in seinen Körper investiert und will hundertachtzig Jahre alt werden. Paypal-Mitgründer Peter Thiel finanziert Forschung zur Lebensverlängerung und soll sich Blutplasma von jungen Spendern transfundieren lassen. Neurowissenschaftler und Podcaster Andrew Huberman wiederum betreibt einen, wie er sagt, detaillierten wissenschaftsbasierten Ansatz: Morgensonne, Kältebäder, präzise Schlaf- und Trainingsroutinen sowie ein umfangreiches Supplement-Protokoll. Und OpenAI-Chef Sam Altman investiert in Start-up-Unternehmen, die auf Langlebigkeit und Verjüngung von Menschen setzen.
Man merkt schnell, woher der Wind weht: aus dem Silicon Valley, dessen technische Errungenschaften uns so einige moderne körperliche und geistige Malaisen beschert haben: verbrutzelte Gehirne vom Dauerscrollen, zerschossene Aufmerksamkeitsspannen, Karpaltunnelsyndrome und verspannte Nacken vom Starren aufs Smartphone. Nun konzentrieren sich dieselben Köpfe darauf, uns möglichst lange leben zu lassen. Rund dreizehn Milliarden Dollar flossen inzwischen aus dem Silicon Valley in Start-ups, die Alterungsprozesse verlangsamen oder sogar umkehren wollen. Tech-Milliardäre wollen Longevity, und was Tech-Milliardäre wollen, wollen wir irgendwann alle. Dafür wird der Algorithmus schon sorgen.
LONGEVITY: NICHT NUR LANG LEBEN; SONDERN GESUND
Der Begriff Longevity, zu deutsch: Langlebigkeit, tauchte im Englischen bereits im 17. Jahrhundert auf und stand zunächst einfach für ein hohes Alter oder eine hohe Lebenserwartung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich daraus ein wissenschaftliches Forschungsfeld. Mit der Gerontologie (Altersforschung) begannen Wissenschaftler systematisch zu untersuchen, warum Menschen altern und welche biologischen Prozesse dahinterstehen. Heute geht es dabei nicht nur um ein längeres Leben, sondern vor allem um eine längere »Healthspan«, also möglichst viele Jahre bei guter Gesundheit.
Studien zeigen, dass die Lebensdauer zu etwa zwanzig bis dreißig Prozent von der Genetik abhängt und zu rund siebzig bis achtzig Prozent von anderen Faktoren wie Lebensstil, Umwelt und psychosozialen Bedingungen. Was den Lebensstil betrifft, dürfte sich herumgesprochen haben, dass nährstoffreich und kalorienarm Essen, sich regelmäßig Bewegen, nicht Rauchen, Alkohol eher sparsam Trinken und ausreichend Schlafen zu empfehlen sind. Hinzu kommen stabile soziale Beziehungen und möglichst wenig chronischer Stress. Wer so lebt, hat zwar keine Garantie auf ein langes Leben, aber die Chancen stehen deutlich besser, ein hohes Alter zu erreichen und über viele Jahre gesund zu bleiben.
DIE SCHATTENSEITE DER SELBSTOPTIMIERUNG
Parallel zur medizinischen Forschung hat sich eine Art Longevity-Lifestyle entwickelt. Immer mehr Menschen versuchen heute, wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in ihren Alltag zu integrieren: Intervallfasten, pflanzenbasierte Ernährung, Kraft- und Ausdauertraining sowie optimierte Schlafroutinen gehören dazu. Hinzu kommt eine wachsende Vermessung des eigenen Körpers. Wearables und Fitnesstracker messen Schlafqualität, Herzfrequenzvariabilität, Stresslevel und Blutzuckerwerte und liefern ständig neue Daten über den eigenen Organismus.
Und genau hier offenbart sich die Schattenseite: Denn je messbarer und optimierbarer die eigene Gesundheit erscheint, desto größer kann der Druck werden, permanent alles »richtig« machen zu wollen. Wer eine Nacht schlecht geschlafen hat und keinen Bericht darüber bekommt (man spürt es ja), kann das eventuell leichter wegstecken als jemand, der obsessiv seine Schlafmuster trackt und dem das den Durchschnitt versaut. Manche Menschen überwachen Schlaf, Ernährung und Bewegung so obsessiv, dass aus dem Wunsch nach Gesundheit eine Art Dauerprojekt wird. Und ausgerechnet chronischer Stress gilt selbst als Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten. Wer jede Mahlzeit, jede Trainingseinheit und jede Schlafphase bewertet, lebt sicher nicht entspannter und freudvoller.
In »Die Kürze des Lebens« (»De Brevitae Vitae«) schreibt der antike Philosoph und Dichter Seneca (ca. 4 v. Chr. bis 65 n. Chr.): »Das Leben, das uns gegeben ist, ist lang genug und völlig ausreichend zur Vollführung auch der herrlichsten Taten, wenn es nur von Anfang bis Ende gut verwendet würde.« Und weiter: »So ist es nun einmal: Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es kurz gemacht, keinen Mangel an Lebenszeit haben wir, sondern gehen verschwenderisch damit um.«
EIN EWIGES PROBLEM
Ist es also Verschwendung der Lebenszeit, die Lebenszeit verlängern zu wollen? Einerseits ist der Traum nach dem langen Leben, oder gar nach dem ewigen, so alt wie die Menschheit selbst. All die Früchte, Brunnen und Quellen in der griechischen Mythologie, die ewiges Leben versprachen, hatten, wie man weiß, einen ziemlich großen Haken. Auch wenn heute das Altern zunehmend als lösbares biologisches Problem gilt und die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten sehr viele Durchbrüche hervorbringen konnte, bleibt die schwierigere Frage nicht wie lange leben, sondern wie leben. Lohnt sich das Leiden, das man in Kauf nimmt, um länger zu leben? Ist der Kampf gegen das Altern und die Biologie es wert, in Angriff genommen zu werden? Wie weit geht man dabei, mal ausgegangen von dem Fall, kein Tech-Milliardär zu sein? Ist Biohacking Unfug, oder kann man von den Erkenntnissen der Experimente durchaus etwas in sein Leben integrieren? Sind Wearables eine gute Methode, den Überblick über die eigenen biometrischen Daten zu behalten, oder stressen sie mehr, als sie helfen? Ist ein striktes Programm die beste Investition in ein langes Leben, oder verdirbt der Selbstoptimierungsdruck selbiges? Oder ist, um noch einmal auf Seneca zu sprechen zu kommen, das Leben eigentlich lang genug, wenn man es nur richtig zu nutzen wüsste?
Die Antworten auf diese Fragen sind wohl so individuell wie die Person, der sie gestellt werden, und, nicht ohne eine gewisse Ironie des Schicksals anzumerken, auch so individuell wie ihre Lebenserwartung.