Mode ist ein Diktator. Sie foltert. Der Unterschied zu den anderen Despoten der Welt ist, dass ihr Volk eines von Masochisten ist. Menschen zwängen sich in absurde Silhouetten und balancieren unter allergrößten Schmerzen auf unlaufbaren High Heels. Sie geben oft auch noch Unsummen, die sie gar nicht haben, für diese Disziplinierung aus. Sie hungern, wenn jetzt auch etwas weniger, weil Spritzen ihnen dabei helfen. Als Demi Moore bei der letzten Gucci Fashion Show als Gast aufschlug, in einem engen Schwitz-Leder-Catsuit, da sah sie so schwach aus, dass man dachte, jemand müsse ihr über den roten Teppich helfen. Es schien, als sei kein Muskel mehr an ihrem Körper übrig. Dabei gibt es Mode, die sanft und schön ist, die den Körper umweht oder durch einen perfekten Schnitt so gut einrahmt, dass man sie einfach vergisst. Mode, die gütig ist. Wieso also wollte Demi in einem Sado-Entwurf von Gucci verschwinden – und warum ist sie dabei nicht die einzige? Die Antwort ist einfach: Mode und der Umgang mit ihr müssen ein never ending struggle sein. Mode muss sich ständig selbst zerfleischen, um relevant zu bleiben. Und ihr Träger auch. Der Leser wird jetzt vielleicht mit dem Kopf schütteln und an bequeme High-Waist-Hosen, Oversize-Jacken, Corona-Trackpants und  den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Turnschuhs denken. Stimmt, die letzten Jahre waren gechillt. Aber leider tendieren wir dazu, solche kleinen Vogelschisse der Modegeschichte, um mal in Diktatorendenke zu bleiben, als Befreiung der Frau zu interpretieren. Dabei sind das nur kurze Dehnphasen, bevor das unbarmherzige Korsett, das Mode heißt, wieder ein paar Zentimeter enger geschnürt wird. Motto: happy Schnappatmung since 1555!

Mit dem Korsett nämlich beginnt ja eigentlich die Geschichte der modernen Mode. Und des eingepreisten weiblichen Struggles. Das Korsett ist ein textiles Symbol für gesellschaftlichen Wandel, für erzwungene Körperideale und für die Geschichte der Selbstbestimmung. Alles begann mit dem Wunsch nach Struktur. Während in der Antike noch einfache Bänder die Brust stützten, entwickelte sich im 16. Jahrhundert aus weichem Mieder die versteifte »Schnürbrust«. Hier wurde der weibliche Oberkörper erstmals konsequent in eine geometrische Form gezwungen – ein Ausdruck aristokratischer Haltung und Disziplin. Das Korsett war in dieser Ära ein Panzer, der soziale Distanz und Status markierte. Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert erreichte der Kult um die Wespentaille seinen Zenit. Dank neuer Techniken wie Metallösen und industriell gefertigter Stäbe wurde das Korsett zum Massenprodukt. Es war nun kein exklusives Privileg des Adels mehr, sondern ein moralisches Muss für jede »anständige« Frau. Doch genau diese extreme Zuspitzung führte zum Umbruch: Die Medizin warnte vor Organschäden, und die Frauenbewegung forderte die Befreiung. Anfang des 20. Jahrhunderts löste sich der feste Griff des Korsetts schließlich auf. Designer wie Paul Poiret und die Erfindung des modernen BHs beendeten die Ära des geschnürten Gefängnisses. Man sieht: Wenn Leiden kein Privileg mehr ist, wird es uninteressant. So beschreibt Roland Barthes 1967 Mode als ein Zeichensystem, also eines, in dem es nicht um Funktion geht, sondern nur um Kommunikationscodes und Symbole: »Ein Kleidungsstück ist ein Träger einer sozialen Bedeutung«. Es ist also kein Wunder, dass fürs Volk immer neue Zumutungen geschaffen werden müssen.

Aber nicht immer geht es um Schmerzen oder Einengung. Manchmal lautet die Frage schlicht und ergreifend: Wollt ihr die totale Unpraktikabilität? Und die Massen schreien Ja. Ein Beispiel dafür sind die Miniaturversionen von It-Bags, die die zehner Jahre dominierten. Taschen wurden plötzlich immer kleiner, bis sie beim Franzosen Jacquemus plötzlich nur noch zwischen Fingerspitzen passten. Wenn man noch nicht mal ein Handy oder eine Kreditkartetransportieren kann, wenn also der demonstrative Verzicht auf Funktion das Zepter übernimmt, dann denken normale Menschen natürlich: Ja, seid’s ihr deppert? Aber nicht die feinen Leute, also jene, die des Soziologen Thorstein Veblen liebstes Forschungsfeld waren. In seiner »Theorie der feinen Leute« aus dem Jahr 1899 konstatiert er: »Kleidung soll nicht nur teuer sein – sie soll auch sichtbar machen, dass ihr Träger keiner produktiven Arbeit nachgeht.«

Das Label Matières Fécales darf nun seit seiner letzten Herbst-Winter-Show als Nachfolger Veblens gelten, die Kollektion heißt »The One Percent« und beschäftigt sich mit den Codes der Eliten. Da werden viel zu enge Bouclé-Kostüme zerfetzt, der New Look von Dior grotesk aufgeblasen (genauso wie Wangenknochen) und die Models in so hohe Plateauschuhe ohne Absatz über den Laufsteg geschickt, dass allein das Zuschauen bei diesem demonstrativen Leiden zur Qual wird. Das Starmodel der Show, Modesammlerin und Brauerei-Erbin Daphne Guinness, berühmt für ihre stets unlaufbaren Schuhe und untragbaren Outfits, stolperte. Legendäre Struggle-Momente auf Türmen lieferte auch schon 1993 Naomi Campbell, die bei einer Vivienne Westwood-Show auf unlaufbaren Plateau-Schuhen einfach umkippte wie eine Statue. Und Lee (alias Alexander) McQueens letzte Kollektion mit dem Titel »Plato’s Atlantis«. Die futuristischen Plattform-Schuhe erinnerten in ihrer stark gebogenen Form eher an Gürteltiere oder Skulpturen. Einige Models weigerten sich, sie zu tragen. Der Körper musste hier nicht nur laufen, sondern architektonische Konstruktionen balancieren, der Fuß steckte quasi vertikal in ihnen.

Nichts ist eine größere Zumutung als ein extrem hoher Absatz, nichts steht gleichzeitig mehr für Nichtstun, also Glamour und Macht. Vom gleichen Label, also Alexander McQueen, kamen übrigens auch in den neunziger Jahren die berüchtigten superengen Bumster-Hosen, deren Bund so tief saß, dass sie den Beginn der Gesäßfalte freilegten.  Die Hose begründete die Logik der Low-Rise-Ära der späten neunziger und frühen 2000er Jahre. Man trug Kleidung, die nur dann funktionierte, wenn man seinen Körper permanent kontrollierte, und zwar im Multitask-Modus. Essen war verboten. Sitzen und Bücken. Und Atmen auch.

Es ist mehr als interessant, dass diese Hosen nun wieder da sind (in Demna Gvasalias nächster Winterkollektion für Gucci). Wie überhaupt so viele Zumutungen aus den neunziger Jahren. Damals begann eine Phase, in der das Unwohlsein nicht länger nur Mittel zum Zweck war, sondern zum zentralen Bestandteil modischer Ästhetik wurde; der Heroin-Chic machte es zum ultimativen Ideal, sich nicht nur miserabel zu fühlen, sondern auch so auszusehen. Das Ergebnis war das Streben nach ultimativer Blass- und Dünnheit und eine nie gekannte kollektive Magersucht. Körper, die nicht in Sample Size passten, hatten gefälligst im stinkenden Heroinrauch aufzugehen. Körper hatten sich der Kleidung anzupassen, nicht umgekehrt. Damit verlangte die Mode erstmals eine Form von Disziplin, die weit über die Einengung eines Kleidungsstücks hinausging. Mode schaffte es erstmals, nicht nur den Körper, sondern sogar den Geist zu kontrollieren.

Und die Avantgarde trieb diese Zumutungen unerbittlich weiter. 1997 präsentierte Rei Kawakubo für Comme des Garçons eine Kollektion mit gepolsterten Quasimodo-Kleidern, die den Körper an unerwarteten Stellen verformten. Hüften, Rücken und Bauch wölbten sich plötzlich nach außen. Mode hörte auf, den Körper ins beste Licht zu rücken; sie begann, ihn bewusst zu verfremden. Drei Jahre später ließ Hussein Chalayan Möbelstücke zu Kleidern werden: Ein Tisch verwandelte sich auf dem Laufsteg in einen Rock, Stuhlbezüge wurden zu Kleidern. Kleidung war plötzlich schwer, sperrig und skulptural. Aber natürlich war das von vornherein nicht zum Tragen gedacht, sondern als bissiger Kommentar. Diese Designer sind wahrscheinlich bis heute heimliches Vorbild von Demna Gvasalia, der den Leuten mit seinem Balenciaga ja auch einiges zumutete, zum Beispiel ein Kleid komplett aus Klebeband gefertigt, in das er die dralle Kim Kardashian einwickelte, die sich darin wirklich nur noch sehr langsam bewegte.

Nicht nur Low-Rise-Jeans, Bodycon-Dresses und unlaufbare Schuhe sind nun wieder im modischen Symbolvokabular der Gen Z zu finden. Diese Rückkehr des Struggles ist alles andere als Zufall. Ein banaler Grund ist, dass Mode von Spannung lebt, deren Erzfeind bekanntlich der Komfort ist. Wie der große Lagerfeld sagte, wer eine Jogginghose in der Öffentlichkeit trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Ein Outfit, das sich auf reine Funktion beschränkt, erzeugt selten starke Bilder, vor allem nicht in Zeiten von Social Media und KI. Erst wenn ein Körper kämpfen muss, entsteht die Reibung, von der die Mode sich nährt und mit der sie alle Kanäle bespielt. Und wer bereit ist, Schmerzen zu akzeptieren, signalisiert heute, in einer Welt, in der die Zumutung der Normalzustand ist, Kontrolle.

Auch der modische Kommentar in Form körperlich herausfordernder Objekte ist übrigens zurück auf den Laufstegen. Ein besonders drastisches Beispiel lieferte jüngst die Sommer-Show von Maison Margiela, bei der Models metallische Mundstücke trugen, die ihre Lippen offen hielten und ein mechanisches Lächeln erzeugten. Die Mundstücke hatten die Form des legendären Margiela Stitchings, das bis heute als Labelersatz fungiert, und verzerrten die schönen Modelgesichter zu schmerzerfüllten Fratzen. Pieter Mulier hingegen steckte bei Alaia Frauen in Kleider ohne Öffnung für die Arme. Oder zumindest sah es so aus. Und der Newcomer Duran Lantink, jetzt Chefdesigner bei Jean Paul Gaultier, ernannte den nackten, skulpturalen Plastikoberkörper kurzerhand zum tragbaren Top. Der Modekritikerin Vanessa Friedman platzte daraufhin in einem langen Artikel über diese Formen modischen Frauenhasses der Kragen.

Mit dem Frauenhass hat sie einen Punkt. Allerdings kommt der nicht von den Designern oder der Mode an sich. Solange Frauen sich selbst hassen, solange sie nach ihnen nicht gegebenen Körper- und Gesichtsidealen streben und dabei die schlimmsten Hässlichkeitsvernichtungswaffen einsetzen – solange wird ihnen die Mode mit größter sadistischer Freude den Spiegel vorhalten. Keine Diktatur ließe sich friedlicher zu Fall bringen, schließlich sind wir das Volk! Leider ein masochistisches.

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