Wann immer der Name Francis Fukuyama fiel, stets legte sich ein spöttisches Lächeln auf die Gesichter meiner Kommilitonen. Es war vor etwa zehn Jahren, ich studierte Politikwissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut in München, diesem unprätentiös en Zweckbau im Herzen des Englischen Gartens, von dem aus einst Radio Free Europe gesendet hatte und dessen Seminarräume immer dunkel waren. Für meine Kommilitonen war der Politologe Fukuyama, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs das Ende der Geschichte verkündete, eine geradezu historisch lächerliche Figur, vergleichbar mit einem Guru einer Sekte, der den Untergang der Welt voraussagte und nach Verstreichen des Datums von niemandem mehr ernst genommen wurde. Was könnte in Anbetracht der ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen, die sich schon damals in allen westlichen Staaten hochschaukelten falscher sein als die Idee, die liberale Demokratie stehe vor ihrem Sieg?

In Wirklichkeit hatte Fukuyama natürlich niemals behauptet, dass jeglicher Konflikt aus der Welt verschwinden würde; die Menschheit würde schlicht die Überlegenheit von Demokratie und Marktwirtschaft erkennen, womit die »wirklich großen Fragen endgültig geklärt« seien. Und doch deutete auch ich Fukuyama als allgemeine stellte mich aber auf seine Seite: Sah man mal von der Klimaerwärmung ab, argumentierte ich, dann zeigten alle relevanten Graphen der Weltgeschichte nach oben: Die Lebenserwartung stieg, die globale Armut sank und mit dem exponentiellen Wachstum an Wissen, das die Forschung produzierte, waren alle Voraussetzungen vorhanden, die Probleme der Welt zukünftig zu lösen. Jeder Fortschritt wurde entscheidend von liberalen Demokratien vorangetrieben, denn diese Staatsform brachte Bürger hervor, die freier, klüger und aufgeklärter waren als alle Menschen jemals zuvor. Dass die Welt besser würde, war quasi ein Naturgesetz. Ja, das Ende der Geschichte war noch nicht eingetreten, überall kam es zu Regression, zu irrationalen Gegenschlägen, Islamismus, Rechtsextremismus; doch sei das nicht der liberalen Demokratie anzukreiden, sondern jenen, die den Fortschritt schlechtredeten – so wie es meine Kommilitonen machten.

Heute, ein Jahrzehnt später, ist es dieser Weltgemeinschaft nicht gelungen, die Klimakrise auch nur im Ansatz zu bewältigen; im Gegenteil, sie gerät zunehmend aus dem Blick, viele neue Krisenherde haben sich aufgetan. Die Staaten weltweit werden immer unfreier und undemokratischer. Rechtsextreme Parteien streben in allen Ländern des Westens an die Macht, das Internet quillt über vor Hass und Fake News, China und Russland positionieren sich als Alternativen zum westlichen Modell, und in den USA, der einstigen Vorzeigedemokratie, wurde mit Donald Trump ein Rowdy zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt, der alle Prinzipien verachtet, die für diese Staatsform maßgeblich sind: die freie Presse, die Unabhängigkeit der Gerichte und die regelbasierte Weltordnung. Statt dem Ende der Geschichte droht nun das Ende der liberalen Demokratie.

Hatte es die Menschheit also einfach nicht kapiert? Würgte sie die Kräfte des Fortschritts ab, aus reiner Dummheit? So hätte wohl noch vor kurzem mein Urteil gelautet. Doch hatte auch ich mich verändert: Ich studierte nicht mehr, dachte nicht mehr aus sicherer Entfernung über Gesellschaft nach, sondern war nun berufstätig. Nach der Journalistenschule, die ich an mein Studium anhängte, machte ich mich als freiberuflicher Reporter selbstständig. Jeden Monat musste ich durch Schreiben nun ausreichend Geld verdienen, um Miete, Sozialversicherung und Steuern zu bezahlen. Es wurde härter, als ich das je für möglich gehalten hatte: Während die Lebenskosten steigen, kann ich froh sein, wenn die Honorare gleich bleiben. Die verinnerlichte Idee jedenfalls, dass nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch mein Leben sich stets Richtung Verbesserung bewegte, wurde mit der bitteren Realität konfrontiert.

Nicht nur mir geht es so. Ein Graph, der leider nicht nach oben zeigt: die Reallöhne in Deutschland. Die stagnieren seit Beginn der 1990er weitestgehend, obwohl das Real-Bruttoinlandsprodukt seitdem deutlich gestiegen ist. Ich glaube, wenn man den Erfolg der AfD verstehen will, dann kommt man an dieser – leider noch viel zu wenig bekannten – Tatsache nicht vorbei. Klar, Rechtspopulisten punkten nicht durch Wirtschaftsthemen, sie befeuern den Kulturkampf. Und doch macht es wohl etwas mit einer Gesellschaft, wenn seit Jahrzehnten die Mehrheit das Gefühl hat, dass es nicht vorangeht. Dass man froh sein kann, wenn man seinen Lebensstandard irgendwie aufrechterhalten kann.

Nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung weckte Zweifel: Kürzlich las ich die »Dialektik der Aufklärung« wieder, jenes Buch von Theodor Adorno und Max Horkheimer, das meine Kommilitonen so gerne zitierten. Ich las es nun mit neuer Offenheit, gerade das Kulturindustrie-Kapitel erschien mir jetzt frappierend aktuell: Neue Erfindungen in Film oder Musik hätten diese Kunstformen nicht innovativer gemacht, sondern dazu geführt, dass immer jene Muster reproduziert werden, die sich ökonomisch bewähren – bis sich niemand mehr eine andere Welt vorstellen kann. »Ewig grins en die gleichen Babies aus den Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine«, schrieben die Autoren 1944.

Und heute? Ich dachte nicht nur an KI-Musik oder Netflix-Serien, deren Plots sich penibel an Aufmerksamkeitskurven ausrichten. Ich dachte auch an die Diskussionskultur im Internet, die sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat: die immer gleichen, floskelhaften Argumente, die der Algorithmus mit Aufmerksamkeit belohnt und die sich durch permanente Wiederholung in unserer kollektiven Großhirnrinde eingebrannt haben. Diese schematische Aufteilung in zwei Lager: die Rechten, die sich über das Gendern, Veganer oder Transmenschen lustig machen, und deren Beiträge so generisch klingen, dass man meinen könnte, sie stammen von einer Künstlichen Intelligenz. Und die Linken, die die Welt viel zu häufig in gute und schlechte Identitäten einteilen. Wie intellektuell öde war all das geworden, und wie weit entfernt vom Verwirklichen des deliberativen Ideals eines Jürgen Habermas, das dieser uns einst in Bezug auf das Internet versprochen hatte?

Die technologischen Innovationen haben seitdem offenbar mehr Probleme produziert als Lösungen. Wahrscheinlich ist es mit dem Fortschritt so, wie Adorno und Horkheimer es behaupten, dachte ich: Er ist dialektisch, er erzeugt Widersprüche. Dennoch wollte ich meinen Fortschrittsoptimismus nicht durch einen Untergangsfatalismus ersetzen. Wenn es Widersprüche gibt, dann müssen doch auch gesellschaftliche Lösungen existieren, dies e zu versöhnen?

Der Soziologe Steffen Mau und seine Co-Autoren zeigen in dem Buch »Triggerpunkte«, dass die deutsche Gesellschaft gar nicht so polarisiert ist, wie wir angesichts von Netzdebatten häufig annehmen. In den meisten Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Klimaschutzes herrscht überraschender Konsens. Nur wenn es um spezifische Triggerpunkte geht, um Themen wie Gendersprache oder arabische Clans, dann wird es schnell unversöhnlich. Was auch heißt: Um wieder konstruktiv miteinander reden zu können, müssen wir Wege finden, uns aus diesem Framing-Korsett zu befreien.

Wie aber kann das gelingen? In einem Essay für das Magazin The Atlantic schildert die US-amerikanische Journalistin Hanna Rosin, wie in ihrer Nachbarschaft radikale Trump-Anhänger einziehen. Zunächst ist sie wenig erfreut. Doch mit der Zeit gelingt es ihr, sich mit einer Frau anzufreunden. Es stellt sich heraus, dass diese die Mutter einer Anführerin ist, die beim Sturm auf das Kapitol ihr Leben verlor. Die Autorin erkennt das Leid der Mutter – und begreift, welchen Halt ihr der politische Aktivismus liefert. Die Erkenntnisse aus ihren Gesprächen fasst sie s o zusammen: »Versuche in Diskussionen nicht, den anderen von seiner Meinung abzubringen. Höre einfach zu und hoffe, dass das Eis irgendwann ein wenig schmilzt.« Das, schreibt sie, sei vielleicht der einzige Weg, auf lange Sicht einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Es klingt kitschig, aber: Um ideologische Gräben zu überwinden, müssen wir uns wieder häufiger als Menschen begegnen. Und wir brauchen die Erfahrung der Selbstwirksamkeit, das Gefühl, gestalten zu können. Heute glaube ich, dass der naive Fortschrittsglaube ab den 1990er Jahren wohl seine Mitschuld trägt: Die irrige Annahme, Fortschritt sei ein Automatismus, die Welt würde sich von selbst zum Besten entwickeln, hat dazu geführt, dass wir uns zurücklehnten. Dass wir glaubten, es reiche aus, alle paar Jahre wählen zu gehen. Francis Fukuyama selbst hat seine »Ende der Geschichte«-These mittlerweile revidiert – und erkennt Fehler auch aufseiten der liberalen Demokratie: In »Der Liberalismus und seine Feinde« von 2022 erklärt er, dass Politik zunehmend als Kampf zwischen partikularen Identitäten wahrgenommen werde – und gemeinsame Normen, auf die Demokratie eigentlich angewiesen ist, verschwinden.

Wie entdecken wir unser demokratisches Gemeinschaftsgefühl wieder? Durch neue (analoge wie digitale) Begegnungsräume? Durch erweiterte Formen der Mitbestimmung? Wie auch immer eine Antwort lauten mag: Solange sich nicht nur die Geschichte weiterentwickelt, sondern die liberale Demokratie mit ihr – solange ist sie nicht an ihr Ende gekommen.

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