Unnecessary Struggles
T Lili Ruge
K Fromm Studio
T Lili Ruge
K Fromm Studio
Die Welt, die wir zu akzeptieren scheinen, ist eine seltsame. Keiner wundert sich zum Beispiel mehr darüber, dass gute Freunde auf die Frage »Wie geht’s?« im Grunde immer mit »uff, echt viel gerade« antworten und dass sich an diesem Zustand auch seit Langem nichts ändert. Der Überlebensmodus, der alltägliche Kampf ist zur Normalität geworden. Ja mehr noch: Er scheint der einzige Zustand zu sein, in dem man mit absoluter Sicherheit vor der Tatsachte gefeit ist, sich nutzlos zu fühlen. So kann das aber nicht weitergehen. Ja, das Leben ist kompliziert, aber wir haben einen komischen Reflex, Komplexität strategisch überwinden zu wollen, und machen damit alles noch schlimmer. Ich meine, sich beispielsweise vorzunehmen, endlich ein Buch über ein einfacheres Leben zu lesen und damit den sich mahnend stapelnden ungelesenen Bücher noch eins hinzuzufügen. Wem soll das was bringen? Wir müssen aussortieren. Kampffreie Zonen in unserem Alltag schaffen. Choose your battles. Und die hier können weg:
DAS UNNÖTIG DURCHKURATIERTE LEBEN
Gehörst du auch zu den Leuten, die nicht in den Urlaub fahren können, ohne zehn bis zwölf näher und entfernte Bekannte nach Tipps zu fragen? Ja sorry, da geht es schon los. Der Drang, immer das Beste erleben zu wollen, ist nahvollziehbar, macht aber unnötig Arbeit. Zumindest kann mir keiner erzählen, dass es was mit Genuss zu tun hat, mit knurrendem Magen Bewertungen für Restaurants in der Gegend durchzulesen oder nachts wertvollen Schlaf zu opfern, um am Handy den perfekten Sneaker zu suchen. Wir müssen aufhören, all diese Dinge zu einer Art Persönlichkeitstest zu machen. Nein, ich war noch nicht bei Uncle Chen oder im Umi. Ist zwar sicher lecker und wer kann was gegen Hand-pulled-Nudeln sagen? Aber kein Spiral-Gurkensalat dieser Welt ist es wert, sich ewig in eine Schlange zu stellen. Macht mich das zu einem schlechteren Menschen? Nein. Erspart es mir den Struggle, jeden Erlebnis-Mikrotrend mitmachen zu müssen? Ja, mein Gott! Können wir uns also bitte darauf einigen, dass wir erstens auch mal mittelmäßige Dinge anziehen, erleben, weitererzählen (I mean, ich will nicht wissen, wie perfekt du bist, ich will wissen, wie du einen durchschnittlichen Mittwoch verbringst. Ehrlich!) und zweitens andere nicht immer fragen, ob sie auch schon den neuen Strawberry Matcha probiert, das wirklich ALLERBESTE beste Hotel in Südfrankreich gebucht oder irgendeinen dämlichen Sneaker Drop mitbekommen haben. Das macht es nämlich für alle entspannter, danke!
SELBSTOPTIMIERUNG MY ASS
Ja es stimmt, es ist beeindruckend, was aus einem Menschenleben herauszuholen ist, wenn man jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, sich nur von Rohkostbowls ernährt und sechsmal die Woche zum Eisbaden geht, um sich so richtig fit zu halten für einen Job, der einen täglich aus der Comfort-Zone holt und einfach wahnsinnig viel Space auch für Personal Growth bietet. Aber mal ehrlich, wenn es wirklich der Sinn des Lebens wäre, auch noch jede letzte Sekunde möglichst effizient zu nutzen, warum funktioniert das nicht, ohne ständig gegen innere Widerstände anzukämpfen? Klar kann man argumentieren, was so ein Bauchgefühl schon wert ist gegen die Möglichkeit, wirklich einen IMPACT leisten zu können in der Firma. Ich würde aber sagen: Spart euch den Kampf. Bleibt liegen. Schlagt das Angebot aus. Macht Raum für Müßiggang und Nichtstun in eurem Leben. Macht kleine, völlig unnötige Sachen. Lest ein Buch, nur zur Unterhaltung. Geht spazieren ohne Podcast. Starrt an die Wand. Ihr werdet sehen, dass das Unmögliche möglich ist: Das Leben bleibt nämlich auch dann lebenswert, wenn wir uns statt des ewigen Struggles in einem Zustand der inneren Harmonie befinden.
MORALISCHE PERFEKTION ODER: DER KAMPF AM FALSCHEN SCHAUPLATZ
Es ist eine komische Blüte der Gegenwart, dass wir innerlich erbittertste Kämpfe ausfechten, während wir gleichzeitig seelenruhig einen Einkaufswagen vor uns herschieben. Welcher Kaffee darf gekauft werden, welcher Honig geht noch klar und welches Müsli ist am umweltfreundlichsten verpackt? Was als reine Notwendigkeit, nämlich der Versorgung mit Lebensmitteln beginnt, kann in jedem x-beliebigen Supermarkt schon binnen Minuten zu Schweißausbrüchen und einem Nervenzusammenbruch führen. Denn im Grunde ist es wahr: Am besten für den Planeten wäre es, hier gar nichts zu kaufen. Das kann aber natürlich nicht die Lösung sein. Das Problem, das uns hierbei in die Knie zu zwingen droht, entsteht dadurch, dass wir ganz oft den Anspruch an uns haben, gleichzeitig symbolisch, politisch und moralisch korrekt zu handeln. Dadurch verschiebt sich aber etwas Entscheidendes: Nicht mehr die Welt ist schwierig, sondern wir selbst werden zu einem Projekt, das permanent unzureichende Ergebnisse liefert. Dabei wäre eine andere Perspektive angemessener. Die großen Linien: ökonomisch, historisch, politisch sind nicht das Ergebnis unserer Fehlentscheidungen beim Kaffeekauf. Und wir werden sie auch nicht durch einen solchen lösen. Klar sollten wir uns weiter verantwortlich fühlen für diesen Planeten. Der unnötige Struggle liegt aber nicht im Versuch, aufmerksam und kritisch zu leben, sondern in der Erwartung, dabei jederzeit perfekte Ergebnisse abzuliefern.
DER KAMPF GEGEN DIE SOCIALMEDIASUCHT
Du schaust nur kurz, dann bist du weg. Zeit existiert nicht mehr. Du kommst zurück mit zweihundertfünfzig absolut wichtigen Informationen, die du nie wolltest, und einem schleichenden Gefühl, irgendwo falsch abgebogen zu sein, im Algorithmus oder doch im Leben. Das Gehirn fühlt sich leicht frittiert an. Klar, das ist nicht schön. Aber noch schlimmer als die Tatsache, dass wir Stunden unserer wertvollen Lebenszeit an irgendeinen Tech-Giganten verschenkt haben, ist das schlechte Gewissen hinterher. Wir sollten hier die Waffen strecken. Uns der puren Überforderung des Streams hingeben. Product-Testings, Hot Takes, dreihunderttausend verschiedene Varianten der Zubereitung von Sauerteigbrot. Ist es nicht auch niedlich, dass es am Ende das ist, was wir Menschen mit den schier unendlichen technischen Möglichkeiten des Internets gemacht haben? Bekämpfe nicht deine Social-Media-Sucht, verschenke deine Aufmerksamkeit! Wirf sie mit vollen Händen aus dem Fenster. Das löst zwar nicht das Problem, aber du wirst dich großzügig und spendabel fühlen. Ein viel erhabenerer Modus als das olle, abgestandene Schuldgefühl. Und einen Kampf, den man aufgegeben hat, den muss man nicht mehr kämpfen.
Wir können uns viele unnötige Struggles ersparen, wenn wir aufhören, Probleme zu erschaffen, wo keine sind. Nicht jeden Restaurantbesuch zu einer Charakterfrage machen. Die Sneaker von voriger Saison auftragen. Nicht jede kleine Entscheidung an eine höhere Moral knüpfen und uns nicht dafür verurteilen, wenn wir mal wieder zu lange die Feeds durchgescrollt haben. Wir müssen nicht alles optimieren, was sich uns anbietet. Manchmal reicht es, einfach dazusitzen, in einem Restaurant mit voll solidem Essen und einer mittelguten Playlist und dann einfach kein Foto zu machen.