Baustelle Metaverse

Acht Architekturkritiken aus der Welt der Bits und Bytes

Von Wojciech Czaja

Lesedauer: ca. 8 min

Schwebende Häuser, rosarote Luftschlösser, eine von jeder technischen, konstruktiven Sorge befreite Traumwelt mit mal Lust machenden, mal angsteinflößenden Architekturen: In der Film- und Gaming-Industrie sind virtuell produzierte Räume seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit, und auch Architekt:innen und Expert:innen für KI, Drei-D-Druck und Industrie 4.0 bedienen sich mit einer mittlerweile ausgereiften Souveränität künstlich animierter Welten. In manchen Fällen sind Realität und Fiktion (Irrealität, Surrealität, Pararealität) kaum noch voneinander zu unterscheiden. 

Neu ist, dass die virtuelle Raumproduktion nun auch für die breite Masse zugänglich ist. Publikumstaugliche Programme wie etwa Dall-E, Midjourney und Stable Diffusion sind niederschwellig konzipiert, einfach zu bedienen und in einer abgespeckten Version meistens kostenlos nutzbar. Vor allem im Corona-Lockdown sind auf diese Weise viele Metaverse-Welten und dringlichst herbeiprogrammierte Sehnsuchtsorte entstanden, sogenannte Dreamscapes, die seitdem in den sozialen Netzwerken und auf digitalen Gamer-Plattformen viral gehen. 

»Es ist aufregend, diese Bilder zu konsumieren und sich dem Hype hinzugeben, der schon längst nicht mehr einigen wenigen Fachleuten vorbehalten ist«, sagen Marlies Wirth und Bika Rebek, die im Museum für Angewandte Kunst in Wien zuletzt die Ausstellung »/Imagine: Eine Reise in die Neue Virtualität« kuratierten. »Wir stecken derzeit in der Euphoriephase, zugleich aber tauchen bereits die ersten Ängste und Zweifel auf: Wie können wir Datenmissbrauch unterbinden? Was tun, wenn wir in Bild- und Filmwelten bald nicht mehr wissen, was echt und was unecht ist? Und wie können wir uns in Zukunft gegen Fake News und Digital Colonialism zur Wehr setzen?« Im Zusammenhang mit den neuen Dreamscapes gilt es, viele Fragen zu beantworten und konkrete Potenziale für die Baubranche zu definieren. Bis es so weit ist, verlassen wir die Realität und diffundieren hinüber in die Welt der raumgewordenen Bits und Bytes. 

 

Uncensored Library

 

Nach dem dramatischen Anstieg des Wasserspiegels am Potomac und einer endgültig gescheiterten Fossilpolitik in Eric Trumps dritter Amtszeit wurde das US Oil and Gas Ministry durch die NATO vor wenigen Wochen zwangsaufgelöst. Wie bereits berichtet, entschied sich die Global Climate Agency (GCA) dazu, die Anlagen einer neuen Nutzung zuzuführen. Dank der hypermassiven Bauweise soll das 2038 im protokalyptischen Stil errichtete Gebäude von nun an die Uncensored Library beherbergen. Die vergoldete und verplatinierte Grand Hall und die im Animal-Print tapezierten Ministry Offices bleiben als Mahnmal erhalten. Die Uncensored Library & Garden sind durch die damals angelegten unterirdischen Rescue-Corridors seit gestern vierundzwanzig/sieben öffentlich zugänglich. E-Ferry von White House Beach im Fünfzehn-Minuten-Takt. 

 

Kid A Mnesia

 

Ist man im Guggenheim-Museum oder in einem Renaissance-Palazzo? In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder auf dem Campanile von San Marco? In Daniel Libeskinds Holocaust-Museum oder gerade in einer Gangway auf dem Weg zur vierzehntägigen Karibik-Kreuzfahrt? Das gleichsam sinnliche wie auch schamlos mit Tabubrüchen schockierende Kid A Mnesia in Paris Nouvelle bemüht sich gar nicht erst um eine Beantwortung dieser Fragen, sondern überlässt dies einzig und allein den Besucher:innen. Die scheinbar lapidare Paarung der Räumlichkeiten ist alles andere als zufällig, kombiniert sie doch jeweils eine weltberühmte architektonische Ikone mit einer kürzlich verlorenen oder zerstören Errungenschaft menschlicher Baukultur. Der Besuch im neuen Kid A Mnesiaist ein Spaziergang wider das Vergessen. Kalt und warm anziehen! 

Orison

 

»Natürlich lässt sich das architektonische Vorbild nicht leugnen«, sagt Iruki Toyoda, Vorstandsvorsitzende von Orison, und deutet auf die vielen in der Kirschblüte stehenden Bäumchen auf dem neuen Orison Star Citizen Port in Osaka. »Mit seinem grünen Jewel Changi Airport samt Wasserfall und Indoor-Dschungel hat Singapur schon vor langer Zeit bewiesen, dass Mobilität und Biodiversität nicht im Widerspruch stehen müssen. Wir gehen nun einen Schritt weiter und bauen den ersten biodiversen Multiport der Welt.« Der anderthalb Millionen Quadratmeter große Komplex umfasst Transfer-Gates für Air-, Space- und Rail-Travels und ist ein Pionier in der Nutzung biogener Energie. Und: Die charakteristische Formensprache ist nicht bloß der Ästhetik geschuldet – dank der hexagonalen Querschnitte ist es gelungen, das Tragwerk und somit den Materialeinsatz auf ein Minimum zu reduzieren. 

 

DAN7EH

 

Mit Projekten wie dem Festspielhaus Erl, dem Eye Film Institute in Amsterdam und den Hyundai Motorstudios im wiedervereinten Korea hat Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) seine matrix-mathematischen Fertigkeiten bereits Anfang des Jahrhunderts unter Beweis gestellt. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag stellt das Büro, das für seine Errungenschaften im Edgism vergangenes Jahr mit dem Pritzker-Preis 2042 ausgezeichnet wurde, nun eine selbsttragende Karbonstruktur vor, die ohne ein einziges Gramm Stahl auskommt – in diesen Dimensionen ein absolutes Novum im Ingenieursbau. Aktuell, heißt es auf Anfrage bei DMAA Universe Unlimited, arbeite man an einer nicht nur selbsttragenden, sondern auch selbstschwebenden Variante ohne Fundament. In wenigen Jahren soll DAN7EH– so der offizielle Titel – Marktreife erlangen. 

 

The Winter House

 

Andrés Reisinger, warum sind all Ihre Projekt pink und flamingofarben? »Meine Inspiration ist der menschliche Körper«, sagt der argentinische Architekt und Designer, der sich selbst jedoch lieber als Künstler bezeichnet. »Rosa ist mein Weiß, das ist mein leeres Blatt.« In seinem Winter House im tief verschneiten Idaho, der sich an Le Corbusiers Maison DOM-INO orientiert und den rohen Skelettbau ganz im Geiste der Moderne vervollständigt, kann man sich wochenweise in eine Traumwelt in Rosatönen einmieten – und sogar in seinem berühmten Hortensia Chair Platz nehmen oder sich mit seinem »The Smell of Pink« einparfümieren. Fragt sich nur: Wie ist es ihm gelungen, selbst die Salmon River Mountains im Hintergrund lachsrosa einzufärben? »Ich experimentiere halt gern mit dem Kontext. Alle Elemente – ob Architektur oder Natur – sind gleichwertig.« 

 

Mars House

 

Ludwig Mies van der Rohes Farnsworth House in Illinois, Erde, und Philip Johnsons Glass House in Connecticut, Erde, kamen der Dematerialisierung architektonischer Komponenten bereits recht nahe, konnten auf ein Minimum an transparenten und intransparenten Baustoffen allerdings nicht verzichten. Der kanadisch-koreanischen Architektin Krista Kim ist nun genau das gelungen: Ihr Mars House am selbigen, namensgebenden Planeten kommt – trotz der feindlichen Kohlendioxid-Atmosphäre – gänzlich ohne Glasfassade aus. Und zwar mit einer einfachen, aber mittlerweile patentierten und hochdotierten Technologie: Das Edelgas Argon, das am Mars immerhin eins Komma fünf Prozent der Atmosphäre ausmacht, leistet in Kims lebenslanger Staycation-Destination edle Dienste und fungiert als Gas- und UV-Blocker. Dank der maximinimalistischen Architektur hat man einen atemberaubenden Ausblick auf den Olympus Mons. 

 

Liberland Metaverse

 

»Der öffentliche Raum ist steril und langweilig«, hatte Patrick Schumacher, CEO von Zaha Hadid Architects, 2018 in einem Interview gesagt. »Mithilfe privater Investoren wäre es möglich, ein deutlich offeneres Spektrum an Freiraumqualitäten zur Verfügung zu stellen.« Mit dem Liberland in Libreville, der Hauptstadt Gabuns, hat seine Vision nun Gestalt angenommen. Im Zentrum des neuen CBD gibt es ein Konferenzzentrum, einen Hotel & Residential Complex sowie zahlreiche Shopping- und Office-Türme. Dazwischen breitet sich eine fluide Urbanlandschaft aus, die es ermöglicht, je nach Wetter und Witterung auf mehreren Ebenen von A nach B zu gelangen. Schumacher ist damit nicht nur ein Meister der Formen, sondern mutiert erstmals auch zum Architekten der Umgangsformen: Zutritt nach Liberland nur mit Zustimmung zum Corporate Conduct Codex. 

 

Momus

 

Endlich! Jahrhundertelang hat der Mensch davon geträumt, nicht nur mit mineralischen und organischen Baustoffen, sondern auch mit lebender Materie zu bauen. In der neuen Momus Collection, dem weltweit ersten Hochbau mit Mycelien, konnte diese Vision nun in die Realität umgesetzt werden. Der dezentrale Pilzorganismus, der anstelle von Ziegel oder Stahlbeton zur Anwendung kommt, wächst nach einem penibel programmierten Drei-D-Script und bildet auf diese Weise ein Decentraland, das nicht nur Menschen beheimatet, sondern auch Fauna und Flora. In der Momus Collection selbst kann man sich über die Projektgenese und die unterschiedlichen Mycel-Technologien informieren, im angrenzenden Park läuft man mit etwas Glück einem der rund hundert endemischen Schweinehamster über den Weg, die sich hier bereits angesiedelt haben. Eintritt frei.

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