Der reine Rausch

Drogen galten einst als Inbegriff von Schmutz und Gefahr. Heute wird mit ihnen geheilt und auf sehr saubere Weise das große Geld verdient. Wie konnte es dazu kommen? 

Von Paul-Philiipp Hanske und Benedikt Sarreiter

Lesedauer: ca. 6 min

Pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Auf etwas verquere Weise galt dieser alte Sinnspruch auch für ein Event, das im vergangenen Jahr am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos stattfand. Dort wo sich jährlich die internationale Wirtschafts- und Politikelite trifft, um über das Schicksal der Welt zu verhandeln, gab es nun auch das »House of Psychedelics«. Dessen Motto war »We spark curiosity« und versammelt waren Start-ups aus der Medizin- und Technikszene, die psychedelische Substanzen zu Therapiezwecken einsetzen. Im House of Psychedelics präsentierten sie ihre Businesspläne. Vor verschwitzten Druffis mit weit aufgerissenen Augen und mahlenden Kiefern brauchte also niemand Angst zu haben und Maria Velcova, eine der Organisatorinnen des Houses, betonte auch gleich: »Wenn die Besucher des Wirtschaftsgipfels mutig genug sind, hierherzukommen, merken sie schnell, dass es sich nicht um eine verrückte Underground-Techno-Party handelt.«

Seife und Pilze


Eine eventuell noch vorhandene Scheu vor illegalen Substanzen und deren Usern hätte den Besuchenden auch bereits mit dem Verweis auf die jüngsten Machenschaften der Schauspielerin und Wellness-Ikone Gwyneth Paltrow ausgetrieben werden können. Die vermarktet nicht nur sehr erfolgreich ihre Mode- und Kosmetikmarke Goop, sondern promotete in ihrer Netflix-Serie »The Goop Lab« auch noch enthusiastisch die transformative und Seelenfrieden schenkende Wirkung von Psilocybin. Vorausgesetzt freilich, dass die Substanz, die in Userkreisen als »Magic Mushrooms« bekannt ist, im kontrollierten Rahmen einer Therapiesitzung eingenommen wird – idealerweise wie in Paltrows Fall in einem Luxusressort in der Karibik. 
 

Der dreckige Rausch


Diese Entwicklungen sind umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass sowohl im House of Psychedelics als auch von Paltrow nicht weniger als ein profunder Rausch promotet wird. Und der wurde in der hiesigen Kultur seit mehreren Jahrhunderten gleichgesetzt mit Gefahr, Schmutz und anstößigem Verhalten – als sinnlose, unproduktive Feier der Gegenwart. Diese Verachtung ist keineswegs naturgegeben: In zahlreichen nichtwestlichen und auch in vormodern-abendländischen Kulturen haben Ekstasen einen festen Platz.

Wann die Abwertung des Rausches begann, lässt sich kulturhistorisch ziemlich genau verorten. Im Jahr 1567 malte Pieter Bruegel der Ältere zwei Bilder. Das eine davon, sein bekanntestes, ist die »Bauernhochzeit«. Zu sehen ist auf diesem Gemälde eine höchst ansehnliche Feier des Nährstandes. Da dieser ansonsten produktiv ist, sei ihm die kleine Freude gegönnt. Ganz anders der »Bauerntanz« desselben Künstlers: Zu sehen ist auch hier eine Feier, die in diesem Fall jedoch ekstatische Züge trägt. Wieder bläst ein Dudelsackspieler, nun aber tanzen die Bauern. Mit ungelenken Bewegungen tun sie das, torkelnd und trunken. Die Physiognomien sind grob, die Mäuler zahnlos, die Blicke scheel, selbst die Kinder sind hässlich dargestellt. Am Bildrand bahnt sich ein Handgemenge, ein Narr verkörpert den Sinn der ganzen Szene. Alte magische Ängste mischten sich in die Verachtung des zukunftsvergessenen Lotterlebens: Im Rausch, so wurde angenommen, werde man Opfer von Dämonen. Ausnahmen galten für den Alkoholrausch, aber nur, weil Alkohol eher Nahrung als Mittel zur Bewusstseinsveränderung war. Ansonsten wurde das rationale Gebot zur produktiven Nüchternheit mit Gewalt in die Welt getragen, im Gleichklang mit den großen monotheistischen Religionen – bei den als heidnisch angesehenen Religionen hatten Ekstasen noch im Zentrum der Glaubenspraxis gestanden. Zudem wurde in der Verfolgung bewusstseinsverändernder Substanzen ein äußerst wirksames Mittel zur Unterdrückung nichtweißer Bevölkerungsanteile entdeckt. Seit dem »War on Drugs« in den 1970er Jahren ist strengstens reguliert, was Menschen mit ihrem Bewusstsein anstellen dürfen – und dieses solle bitte schön sauber bleiben. 
 

Heilung durch Rausch


Bevor der Krieg gegen die Drogen seine grausamen Kreise zog, gab es eine kurze Phase in den westlichen Gesellschaften, in der frei und relativ unbefangen mit bewusstseinserweiternden Substanzen experimentiert wurde. Nach der Entdeckung von LSD durch den Sandoz-Chemiker Albert Hofmann Anfang der 1940er Jahre drangen psychedelische Substanzen zuerst in akademische Kreise vor und dann in die Jugendkultur. Timothy Leary, damals noch Harvard-Professor, später umstrittener LSD-Hohepriester, probierte 1960 in Mexiko Zauberpilze und sprach danach »von der tiefgreifendsten religiösen Erfahrung seines Lebens«.

Außer in Künstlerkreise drangen die Substanzen auch in die von Hofmann und anderen erwünschte Sphäre vor: dem klinischen Setting der Psychiatrie. Der Basler Pharmakonzern Sandoz vertrieb LSD ab 1949 unter dem Namen als das Medikament Delysid als Medikament und später Psilocybin, den Wirkstoff der »Magic Mushrooms«, der ebenfalls von Hofmann synthetisiert worden war, als Indocybin. Beide Medikamente wurden in der Psychiatrie zur Modellierung und Untersuchung von Psychosen sowie in der Psychotherapie zur »seelischen Auflockerung« eingesetzt. Es ging hier also nicht um Party und nur bedingt um spirituelles Erwachen, sondern um die Heilung von Krankheiten. Die psychedelische Therapie war in den 1950er Jahren nicht nur in Kalifornien unter Hollywood-Stars wie Cary Grant beliebt – er soll über hundert Sitzungen besucht haben, in denen ihm LSD verabreicht wurde –, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Allein in Europa gab es achtzehn Therapiezentren.  

Doch bald entkam LSD aus den Laboratorien, es sickerte durch Klinikmauern in die Gesellschaft. Der Autor Ken Kesey (»Einer flog über das Kuckucksnest«, 1962), selbst Teilnehmer an LSD-Versuchen des amerikanischen Geheimdienstes CIA, wie auch Timothy Leary scharrten Anhängerinnen und Anhänger um sich, unternahmen mit ihnen ausgeprägte psychedelische Jenseitsreisen, die vor allem bei Ken Kesey und seiner Crew, den Merry Pranksters, in ausufernde Psychedelic-Rock-Partys mündeten. Wild und ungezügelt durchfuhr LSD die Gegenkultur der 1960er Jahre. Das Establishment war schockiert und befürchtete, dass die Rebellion der Hippies und Studenten gegen einen Staat, der Krieg gegen den Vietnam führte, zu seinem Zusammenbruch führen könnte. Diese Angst und der alte puritanische Wille zur Reinheit – sowie in seiner Folge barbarische Gewalt gegen als nieder wahrgenommen »Rassen«, Kampf gegen den Schmutz: Sex, Drogen, Rock ’n’ Roll – führten letztlich zu Richard Nixons 1972 oben schon erwähntem global ausgerollten »War on Drugs« und dem Verbot aller psychedelischen Substanzen. Das alte Tabu wurde wieder aufgerichtet.

 

Wiederaufflammen der alten Lehre


Mit dem Verdrängen der psychedelischen Drogen in die Illegalität kam es zum Bruch der Forschung zu diesen Substanzen als Heilmittel für Depressionen und Traumaerkrankungen. Sie wurde zwar im Untergrund weitergeführt, aber als ernsthafter Weg für die Behandlung psychischer Leiden fand sie keine Beachtung mehr. Das änderte sich in den 2000er Jahren, als Forscher vor allem in den USA und der Schweiz mit Sondergenehmigungen wieder begannen, mit Psilocybin, MDMA (Ecstasy) oder LSD im therapeutischen Setting zu arbeiten. Wie schon in den 1960er Jahren sollten die Substanzen helfen, schwere Blockaden zu lösen und über die Ego-Auflösung an die Wurzel von Traumata, psychischen Belastungsstörungen und Sucht zu gelangen. Und wie schon damals waren viele der Studienergebnisse beeindruckend. Menschen, die vorher als nicht mehr therapierbar galten, berichteten nach mehreren psychedelischen Sitzungen mit anschließender Gesprächstherapie von einer Besänftigung der Beschwerden. Andere entkamen endlich einer jahrelangen Suchtkarriere. 
 

Schlauer, kreativer, besser


Diese Erfolge wurden medial breit besprochen und plötzlich interessierte sich der Mainstream für die vorher noch in den gesellschaftlichen Untergrund abgewerteten Substanzen. Mitte der 2010er Jahre entwickelte sich dann ein Geschäft um die psychedelische Kultur, auf dessen Vertreter man etwa beim angesprochenen Event in Davos treffen konnte. Die Substanzen sind heute nicht mehr nur Partydrogen von Neohippies oder Ravern, sondern Wundermittel einer gut geföhnten und fusselfreien Businesselite. Neben dem Potenzial als Heilmittel sieht man psychedelische Drogen mittlerweile als ideales Werkzeug zur Transformation zu einem optimierten Selbst. Eine der Psychedelic-Firmen hatte dann auch den Slogan: »Heal the sick, better the well«. Es geht eben immer noch ein bisschen schlauer, kreativer, leistungsbereiter. Dafür ist dann auch nicht mehr die Ego-Auflösung der hohen Dosen nötig, sondern es reicht schon das Psychedelikum in Mikrodosis. Userinnen und User berichten, dass sie damit im Alltag einfach besser funktionieren, arbeitsfähiger werden und weniger gestresst sind. Die Mittel lösen in der geringen Dosierung also gar keinen Rausch mehr aus, sondern verändern das Bewusstsein minimalinvasiv. 
 

Rausch ohne Rausch


Noch cleaner soll es irgendwann mal mit sogenannten Psychoplatogenen funktionieren. Das sind Psychedelika-Analoge, denen die rauschauslösenden Mokeküle fehlen, die aber anscheinend die Gehirnstruktur dennoch so verändern, dass sie ebenfalls eine antidepressive Wirkung entfalten. Ob und wann sie eine Alternative zu LSD und seinen Verwandten darstellen können, wird die Zukunft zeigen. Schon jetzt lässt sich an ihnen eine alte Bewegung ablesen, die immer wieder zu beobachten ist: Während ein Teil der Gesellschaft der rauschhaften Entgrenzung zustrebt, empfindet ein anderer dies als wahnhaft und sucht das Gegenmittel in ausgestellter Nüchternheit. Früher war das mal ein stilles Gebet und ein gottgefälliges, arbeitsames Leben. Heute ist es die Mikrodosis und die disruptive Businessidee.

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