Alles, was ich über meine Familie mütterlicherseits weiß

von Nathan Englander

 

 

1. Sieh dir den Mann und seine Frau an, wie sie zusammen den Broadway hinuntergehen. Selbst von hinten, selbst aus der Entfernung kannst du sehen, dass die Frau tiefgreifende Dinge sagt, Ratschläge gibt. Da wird Weisheit mitgeteilt. Aber sie ist eine nette Frau, seine Ehefrau. Das kannst du auch ­sehen. Denn alle paar Schritte wird sie langsamer, greift nach ihrem Ehemann, legt ihm einen Arm um die Schultern und zieht ihn an sich heran. Die beiden lieben sich eindeutig.

2. Wenn wir uns mit etwas Tempo durch die Menge schieben, bleiben wir dran. Wenn wir die Pause nutzen, als die beiden an einem Tisch mit Kleinkram verweilen – Armbänder, Feuerzeuge und Uhren, die merkwürdigerweise die Gesichter von Revolutionären tragen –, kommen wir ihnen nahe genug, um argwöhnisch zu werden, was ihre Beziehung angeht. Ob es sich um Ehemann und Ehefrau handelt.

3. Die beiden bleiben mitten auf der Canal Street stehen. Die Frau sieht ihren Mann an, und das, was sie ihm zu sagen hat, ist so gewichtig, dass sie zu glauben scheint, der Verkehr werde für sie anhalten, wenn die Ampel auf Grün springt. Als lohnte es sich, sollten die Autos dennoch losfahren, von ­ihnen überrollt zu werden, weil das jetzt gesagt werden muss. Und in diesem Augenblick, als wir sie einholen, als die Frau lächelt und ihren Arm durch den des Mannes schiebt, um ihn sicher auf die andere Seite zu geleiten, in diesem Augen­blick sehen wir, dass die Ehefrau keine Ehefrau und der Ehemann kein Ehemann ist.

4. Tatsächlich sind sie, das scheint jetzt klar, Freund und Freundin. Und die Freundin scheint bei näherem Hinsehen eine katzenäugige, sommersprossige Bosnierin zu sein. Der, der neben ihr steht, zehn Jahre älter aussieht und einen wilden Lockenkopf hat, der andere, der Freund, ist, wie wir sehen, nur ein kleiner Jude. Und als wir das Gesicht erkennen, es in uns aufnehmen, sehen wir, dass ich dieser kleine Jude bin.

5. Es liegt daran, wie sie gehen und reden, an der Art, wie ihre Schultern zusammenstoßen, seine Hand auf ihrer Hüfte liegt und sie an jeder Ecke loslässt, dass wir eine andere Art von Intimität zwischen ihnen vermutet haben. Das ist von einer Ungezwungenheit, einer gewissen Sicherheit, könnte man sagen, die den Betrachter gleich an ein verheiratetes Paar denken lässt. Wenigstens sah es aus der Entfernung so aus.

6. Der Streit, den sie, das heißt, sie und ich, mitten auf der Canal Street beilegen, klingt in stark verkürzter Form etwa so, und ich meine es ernst und bin mit meinem Latein am Ende: »Aber was machst du, wenn du Amerikaner bist, keine Familiengeschichte hast und deine lebendigsten Kindheitserinnerungen die Geschichten aus Vorabendserien sind, wenn selbst deine Träume, zusammengenommen, die Schnipsel von Filmen sind, die dir im Schlaf in den Ohren klingen?« »Dann«, sagt das Mädchen, »sind das die Geschichten, die du erzählst.«

7. Ihre Ahnentafel steht hinten in einer Bibel, deren Ledereinband längst so weich wie ein Handschuh ist. Sie ist in dem Haus aufgewachsen, in dem auch ihre Mutter aufgewachsen ist und die Mutter ihrer Mutter und in dem, glaub es oder nicht, ihre Urgroßmutter geboren wurde. Stell dir das vor: Die alten Fotos um sie herum sind auf den Wänden alt geworden. Als die Bosnierin mit ihren Eltern nach Amerika kam, brachten sie die Bibel mit, aber die Fotos ließen sie zusammen mit der noch lebenden Verwandtschaft zurück.

8. Wir sind immer noch auf der Straße und streiten über meine verloren gegangene Familiengeschichte, und ich sage, was ich diesem Mädchen, das als kleines Kind in eine Flickendecke aus den Kleidern ihrer Großmutter gewickelt wurde, immer sage: »Ach, sieh mich an, mein Onkel hat Franz Ferdinand erschossen und den Ersten Weltkrieg ausgelöst, und dann kam Graf Balthus nach Sarajevo, um meine Mutter zu malen, wie sie in weißen Kniestrümpfen Federball spielte.« Dafür gibt es immer einen Schlag auf den Arm und einen Kuss zur Versöhnung, aber diesmal will ich eine richtige Antwort.

9. »Erzähl die Geschichten, die du hast, so gut du kannst.« »Selbst wenn sie davon handeln, wie ich ins Einkaufszentrum gehe? Wie ich Bagel Dogs esse und koschere Pizza?« »Ja«, sagt sie. »Das meinst du nicht ernst, oder?« »Nein, das meine ich nicht«, sagt sie. »Du findest bessere Geschichten.« Und dann sieht sie mich enttäuscht an. »Du kannst nicht wirklich nichts wissen! Erzähl mir von deiner Mutter. Erzähl mir gleich jetzt eine Anekdote.« »Selbst alles zusammengenommen, was ich über meine Familie mütterlicherseits weiß, würde nicht für eine Geschichte ausreichen.« Und sie kennt mich gut genug, mein Mädchen, um zu wissen, dass es stimmt.

10. Die Bosnierin, Bean, meine »Bohne«, ich gebe zu, dass ich sie so nenne, erfüllt mich mit Selbstvertrauen. Erst habe ich ihr gesagt, dass es keinen Sinn hat, und am Ende erzähle ich ihr von den japanischen Käfern, von der Leiche auf der Treppe und dem Soldaten mit dem Glasauge. »Siehst du«, sagt sie, »da folgt Geschichte auf Geschichte. Über deine Familie gibt es so viel zu erzählen.«

11. Der Vater meiner Mutter hatte zwei Brüder, die beide lange tot sind. Mein Großvater hat mir nie von ihnen erzählt. Dafür hatte er andere Geschichten: »Während der Prohibition haben wir alles getrunken. Vanille-Extrakt. Apfelschnaps. Als ich unten in Virginia war, gingen wir in den Wald, wo die Destillen versteckt waren, und kauften Schwarzgebrannten. Den musst du immer erst anzünden. Wenn er blau verbrennt, passiert dir nichts. Ist die Flamme klar, ist es Methanol. Ist die Flamme klar, und du trinkst ihn, wirst du blind.«

12. Apfelschnaps ist einfach nur stärkerer Most. Mein Großvater hat mir erklärt, wie man ihn macht. Du nimmst frischen Apfelmost und wirfst eine Handvoll Rosinen hinein, statt Zucker. Du lässt sie fermentieren und beobachtest, wie die Rosinen dicker werden. Dann gibst du das Ganze in den Gefrierschrank und wartest. Alkohol hat einen niedrigeren Gefrierpunkt als Wasser. Wenn sich Eis bildet, fischst du es heraus (oder gießt die Flüssigkeit ab). Was nicht gefroren ist, ist Alkohol. Kinderleicht ist das. Ich habe es mal zu Thanksgiving probiert, wenn es selbst in den Vororten reichlich Apfel­most gibt. Ich habe die Rosinen hineingeworfen. Habe gewartet, das Zeugs eingefroren, abgeschüttet und getrunken. Ich glaube nicht, dass ich betrunken war. Ich glaube nicht, dass überhaupt was passiert ist. Aber ich bin auch nicht blind geworden.

13. Wenn du in meinen Kinderkopf klettern und aus meinen Kinderaugen blicken könntest, sähest du eine Welt voller ­Juden um dich herum: Die Eltern, die Kinder, die Nachbarn, die Lehrer, allesamt sind Juden und auf genau die gleiche Weise religiös. Und jetzt sieh über die Straße zum Haus des katholischen Mädchens hinüber und zum Haus daneben, wo die Reformjuden wohnen. Was siehst du da? Ist es ein verschwommener Fleck? Ein leerer Raum? Wenn du nichts siehst, wenn deine Antwort »Nichts« ist, dann siehst du, was ich sah.

14. Jetzt, da ich völlig säkular bin, sieht meine kleine Nichte mich, ihren Onkel, mit diesen alten Augen an. Sie fragt meinen älteren Bruder mit süßer Stimme: »Ist Onkel Nathan Jude?« Ja, lautet die Antwort. Onkel Nathan ist Jude. Leute wie ihn nennen wir Abtrünnige. Er will dir nichts tun.

15. Mein Urgroßvater hat die Religion ganz hinter sich gelassen. Und mein Großvater hat mir erzählt, warum. Das ist übrigens wahr, und zwar nicht, weil Literatur wahrer als die Wirklichkeit ist. Wahr in beiden Reichen.

16. Was er mir erzählt hat, ist, dass sein Vater und zwei andere Jungen auf dem Dach eines Hauses in ihrem Dorf in Russland standen. Einer der Jungen, nicht mein Urgroßvater, musste mal und pinkelte oben vom Dach herunter. Was er nicht sah, war der Rabbi, der unten vorbeiging. Wie eine Geschichte beschreibt jeder Strahl einen Bogen und muss irgendwo niedergehen. Der Junge pinkelte dem Rabbi auf den Hut. Die drei Kinder wurden vor den gesalbten Mann geführt. Sie wurden, alle drei, gründlich und brutal geschlagen. Die Bestrafung war eine Ungerechtigkeit, die mein Urgroßvater nicht ertrug. Auf Russisch, auf Jiddisch, auf seine eigene Weise dachte er: Scheiß auf den ganzen Haufen, nicht mit mir.

17. Alles, was ich bis zu dieser Geschichte wusste, war, dass meine Familie aus Gubernia kam. Daher stammen wir. Und als ich das meiner süßen Bosnierin sage, die etwas Russisch kann, schüttelt sie den Kopf und sieht traurig aus, als sei alles, was ich weiß, vielleicht doch nicht genug. »Gubernia heißt einfach nur ›Staat‹«, sagte sie, »wie County. Zu sagen, du wurdest in Gubernia geboren, wäre so, als sagtest du, du wärst im Staat geboren, etwa im Staat New York oder Washington. Da herzukommen heißt, überall herzukommen.« »Oder nirgends«, sage ich.

18. Erst als ich meine Mutter nach der anderen Seite frage, nach der meiner Großmutter, sagt sie: »Nun, als Großmutters Großmutter, also« – und hier gleitet ihr Blick aus dem Raum, und sie zählt an den Fingern einer Hand mit –, »als Mutters Mutters Mutter aus Jugoslawien nach Boston kam …« Und da unterbreche ich sie. Mit siebenunddreißig Jahren höre ich zum ersten Mal, schreibe es hier auf, dass meine Ururgroßmutter und damit meine Leute aus Jugoslawien stammen. Wie kann das nie zur Sprache gekommen sein? Ich bin völlig platt und will schon die Bosnierin anrufen und sagen: »He, Nachbarin, ich bin’s, Nathan. Rate mal, was?« Aber sie ist nicht die Person, die ich mit so einer Neuigkeit anrufen kann. Nicht mehr. So schnell ändern sich die Dinge. Manche Wahrheiten kann man ewig verbergen, und wenn du dich ihnen endlich stellst, endlich hinsiehst … nun, mit mir und der Bosnierin ist es vorbei.

19. Was Jugoslawien betrifft, die bislang verschwiegene Wahrheit, hat meine Mutter keinerlei Mitleid mit mir. Sie sagt: »Du kannst dich nicht beschweren. Mir ging’s noch viel schlimmer mit allem, was ich nicht wusste.« Ihr Onkel, der Bruder meines Großvaters, starb mit acht an einem Gehirntumor. Sie konnten nichts tun. Der jüngste von drei Brüdern hatte einen Gehirntumor. Mein Großvater war damals zwölf, sein mittlerer Bruder zehn und der Gehirntumorbruder acht. Und meine Mutter bekam Angst, sobald ich was von Kopfschmerzen sagte. Jedes Zucken, jedes höhere Fieber machte ihr Angst. Sie wartete auf den Beginn des Siechtums, den Ausbruch der Krankheit, die kleinen Jungen das Gehirn wegfrisst.

20. Und dann, 2004, in »jenem Frühling«, wie meine Mutter sagt, fährt sie nach Boston hoch, weil Cousin Jack eine neue Hüfte braucht, eine neue Schulter, eine neue Herzklappe, sie fährt nach Boston, weil sich Cousin Jack auf ein Ersatzteil vorbereitet. Und da erfährt sie eine andere Geschichte von Jack, eine andere Geschichte als die, die sie ihr ganzes Leben mit sich herumgetragen hat. Mein Großvater, gerade mal zwölf, überquerte mit seinem kleinen Bruder, mit Abner, die Commonwealth Avenue, als ein Auto über die Anhöhe kam und ihn erwischte. Meinem Großvater den kleinen Abner aus der Hand riss. Abner stand auf. Bis auf seine rechte Hand schien alles in Ordnung. Er hatte eine tiefe Wunde in der Hand, die dem Fahrer vielleicht aufgefallen wäre, hätte er näher hingesehen. Aber der stieg nur kurz aus, starrte die kleinen Judenjungen an, denen es gutzugehen schien, und fuhr davon.

21. Mein Großvater brachte seinen Bruder nach Hause. Urgroßmutter Lily (die Mutter meines Großvaters) schrie vor Schreck. »Ein Auto? Ein Unfall? Seht euch den Schnitt an!« Sie säuberte die Wunde. Sie verband die Wunde. Und ihr Jüngster musste sich hinlegen. Sie versorgte die Wunde, rief jedoch nicht den Arzt. Auch mein Urgroßvater rief nicht den Arzt. Der Junge würde wieder gesund werden. Das sagte sie auch, als ihn das Fieber erfasste, und sogar noch, als eine leuchtend rote Linie, eine wütende Ader, den Arm hinauf­kroch. Der Junge würde wieder gesund werden, bis er’s nicht tat, und so starb der kleine Bruder meines Großvaters an nichts als einem Schnitt in seiner Hand. Lily erholte sich nicht davon. Ihr Mann erholte sich nicht davon. Mein Großvater erholte sich nicht davon. Aber auf gewisse Weise eben doch. Nach außen hin. Weil ein Gehirntumor daraus wurde. Weil es zu etwas wurde, das eindeutig Gottes Wille und unabänderbar war, zu einer Krankheit, auf die man nicht anders reagieren konnte, als dreimal auszuspucken.

22. Zwei Brüder waren übrig. Und dann gab es, etwa zehn Jahre später, einen Weltkrieg. Mein Großvater, offiziell blind, konnte nicht hinübergeschickt werden. Er wurde eingezogen, bekam aber einen Bürojob.

23. Mit ihm im Büro saß ein Soldat mit einem Glasauge. Abends trank dieser Soldat und trank und trank, und wenn alle so betrunken waren wie er, nahm er sein normales Glasauge heraus und steckte sich ein anderes hinein, eines, das statt einer Iris lauter rote Kreise hatte, ein Bullauge. Ein kleiner Trick, um ein paar Lacher zu ernten und die Uneingeweihten denken zu lassen, dass sie ein Glas zu viel gehabt hätten, was ja auch tatsächlich der Fall war.

24. Der Bruder meines Großvaters wurde im Krieg getötet. Sein Bruder fiel im Kampf. So war es, bis heute.

25. Die Geschichte über meine Familie, die mir am besten gefällt, habe ich von einem eingeheirateten Verwandten. Sie handelt von Paul, dem Vater meiner Großmutter, und ich habe sie von Theo, der Cousine Margot geheiratet hat und die nachfolgenden dreißig Jahre der beste Freund meines Großvaters war. Unzertrennlich, das waren die beiden.

26. »Dein Urgroßvater Paul, der hatte einen Stiernacken. Vierzig, fünfundvierzig Zentimeter Umfang. Das war ein harter Brocken.« Theo erzählt mir das beim Begräbnis meines Großvaters. Wir stehen vor einem Restaurant in der Nähe des Friedhofs, alle anderen sind bereits drinnen. Theo und ich stehen auf dem Parkplatz. Er stampft mit den Füßen auf den Boden, weil es so kalt ist. »Eines Tages nach der Arbeit sind wir, das heißt ich, dein Großvater und Paul, in eine Kneipe für Bahnarbeiter. Wir sitzen an der Theke, wir drei, und der Mann rechts von deinem Urgroßvater, der dreht sich zu Paul und sagt: ›Weißt du, was das Problem mit dieser Kneipe ist?‹ Dein Urgroßvater mustert ihn. ›Was ist das Problem?‹, sagt er. ›Das würde ich gern wissen.‹ Also sagt der Mann es ihm. ›Zu viele Juden‹, sagt er. Dein Urgroßvater stellt sein Glas ab. Allerdings sitzt er noch. Sitzt auf seinem Hocker und guckt nach vorn. Und ohne richtig hinzusehen, ballt er die Faust und verpasst dem Burschen eins, quer rüber, haut ihm die Faust gegen die Kinnlade. Im Sitzen! Und dann nimmt dein Urgroßvater sein Glas wieder hoch, als wäre nichts, und trinkt es in einem Zug aus. Ein schneller Schlag, und der Kerl ist außer Gefecht.« Theo schüttelt den Kopf, während er sich daran erinnert. »Der Trottel kippte von seinem Hocker wie ein Sack Mais.«

27. Ich kann’s kaum fassen, so gut ist die Geschichte. »Was habt ihr dann getan?«, frage ich. »Was ist passiert?« Und Theo lacht. »Was glaubst du?«, sagt er. »Ich sagte: ›Lasst uns verdammt schnell hier verschwinden.‹ Und dann haben ich und dein Großvater, wir haben Paul gepackt und uns aus dem Staub gemacht.«

28. Und was kann ich meiner eigenen Familiengeschichte hinzufügen? Was für Geschichten habe ich selbst erlebt? Ich kann dir vom Frühstück erzählen. Mein Großvater konnte so gut wie gar nicht kochen, und beim Frühstück übertraf er sich selbst. Verbrannter Kaffee, verbrannte Eier, schwarzer Speck. Speck, den wir als religiöse Familie nicht aßen, obwohl uns das Wasser im Mund zusammenlief. Wenn wir bei den Großeltern zu Besuch waren (meine Eltern, mein Bruder und ich), wurden wir vom Rauch des verbrannten Specks geweckt, der das Haus erfüllte. Wie in einer Karikatur holte uns der Rauch aus dem Bett und lockte uns mit seinem gebogenen Finger.

29. Kurz vor dem Ende gehen Bean und ich nach Greenpoint, um in einem der polnischen Läden Schokolade zu kaufen. Wir kommen an einem ukrainischen Lebensmittelgeschäft vorbei, was Bean an ihre ukrainischen Wurzeln erinnert, und sie erzählt mir von ihrem Großonkel, einem Metzger, der ausrutschte und in einen Bottich mit kochenden Schinken fiel. Er war sofort tot und hinterließ acht Kinder. »Selbst deine schlimmen Geschichten sind gut«, sage ich. »Das ist eine sehr schlimme Geschichte«, sagt sie und nickt. Und ich füge nach einigem Überlegen hinzu: »Noch weniger jüdisch kann man vermutlich nicht sterben.« »Ja«, sagt sie. »Es ist nicht unbedingt das traditionelle Rezept für Juden.« Ich lasse den Blick über all die polnischen Läden schweifen und stimme ihr zu. »Traditionell, ja, das stimmt. Da kommen die Juden in den Ofen. Die Heiden werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Und ukrainische Onkel …« »Werden gekocht«, sagt sie. »Bei lebendigem Leib gekocht.«

30. Theo erzählt mir Folgendes: Als er drei war, wurde er im kleinen Bungalow seiner Familie in Far Rockaway allein zurückgelassen. »Der steht noch«, sagt er. »Sie haben praktisch alle abgerissen, aber der eine steht noch.« Im Schlafzimmer seiner Eltern, unter dem Kissen seines Vaters, fand er eine geladene Pistole. Theo nahm sie. Er zielte auf das Fenster, die Uhr und dann auf den Hund der Familie, einen süßen, dummen alten Beagle, der neben dem Bett schlief. Er drückte den Abzug. Theo schoss dem Hund durchs Schlappohr. Die Kugel drang in den Boden. »Hast du ihn erschossen?«, frage ich. »Nein, nein, dem Hund konnte es besser nicht gehen. Nur dass er ein perfektes rundes Loch in dem Ohr hatte.« Sammy (der Hund) öffnete seine traurigen, milchigen Augen, sah Theo an und schlief wieder ein.

31. Cousin Jack steht neben mir, als Theo die Geschichte erzählt. Jack glaubt ihm nicht. »Was ist mit dem Rückstoß?«, sagt er. »Du warst gerade mal drei. Der hätte dich quer durchs Zimmer schleudern müssen. Da müsste dir der Türknauf heute noch im Hintern stecken.« »Es war eine 22er«, sagt Theo. »Da gibt es keinen großen Schlag. Eine .22 kurz haut nicht mal einen Floh um.« »Trotzdem«, sagt Jack. »Ein kleiner Junge. Kaum zu glauben.« »Ich denke, ich habe sie halten können«, sagt Theo und sieht weg. Und für mich liegt in seinem Blick nichts als Ehrlichkeit. »Ich muss sie gehalten haben«, sagt Theo, »weil ich mich immer noch daran erinnere, wie sich der Schuss angefühlt hat.«

32. Dieses Wie es sich angefühlt hat, ist der Auslöser. Dieses Wie es sich angefühlt hat, transportiert Jack sechzig Jahre zurück. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, redet er wieder, Jack, der keine Geheimnisse bewahrt – oder sie ein halbes Jahrhundert bewahrt, und dann kommt plötzlich die Wahrheit heraus. »Schrecklich«, sagt Jack. »Es war ein schrecklicher Anruf. Ich kann mich noch erinnern. Ich habe damals den Hörer abgenommen.«

33. »Was für einen Hörer?«, sage ich. »Was für ein Anruf? Was war so schrecklich?« Die Fragen platzen nur so aus mir heraus, der ich nach Geschichten lechze, um die Dinge einzuordnen. Ich bin mir sicher, dass ich mit meiner Neugier und meiner Aufregung die Geschichte schon wieder vertrieben habe. Ich bin sicher, es geht um Abner und wie der kleine Kerl gestorben ist. »Ich meine den Anruf wegen des Bruders deines Groß­vaters.« »Wegen Abner?«, frage ich, weil ich den Mund nicht halten, nicht warten kann. »Nein«, sagt er, »wegen Bennie. Der Anruf deines Groß­vaters, um mir zu sagen, dass Bennie gestorben ist.«

34. Margot steht jetzt da, hat sich bei Theo untergehakt und macht ein besorgtes Gesicht. »Du hast den Anruf bekommen, dass Bennie im Krieg gefallen ist?« »Ja«, sagt Jack. Und dann: »Nein.« »Du hast ihn also nicht bekommen?«, sagt sie. »Doch. Ich habe den Anruf angenommen. Aber es war nicht im Krieg.« »Er ist im Krieg gefallen«, sagt Margot. »In Holland.« »Er ist in Holland begraben worden«, sagt Jack. »Umgekommen ist er da nicht. Und es war nicht im Krieg, sondern danach.« »Danach.« »Nach den Kämpfen. Nach Ende des Krieges. Der Schuss hat sich während der Wache aus seinem Gewehr gelöst.« »Ihr habt es immer gesagt«, sagt Margot ungläubig. »Alle haben es immer gesagt: ›Er ist im Krieg in Holland gefallen.‹«

35. Jack legt mir eine Hand auf die Schulter, hört Margot zu, aber spricht zu mir: »›Während der Wache‹, hat mir dein Großvater an dem Tag gesagt. ›Ein Unfall.‹ Dann, ein paar Monate später, sind wir draußen in meiner Garage, ich erinnere mich genau. Ich habe einen Vergaser in der Hand, und er nimmt ihn und sieht ihn an, als wäre es eine Niere oder so was. Er wiegt ihn in der Hand. ›Es war ein Lastwagen‹, sagt er. ›Bennie schläft hinten drauf, er kommt von der Wache. Irgendwas rüttelt, ein Schuss löst sich und trifft Bennie in den Kopf.‹« Jetzt meldet sich Theo zu Wort: »Die Wahrscheinlichkeit, dass so was passiert, so ein Unfall, liegt bei eins zu einer Million. Ich hab mein ganzes Leben mit Waffen zu tun gehabt.« »Stimmt«, sagt Jack. »Eins zu einer Million. Vielleicht noch mehr.«

36. Was ich denke, und vielleicht ist es einfach nur mein Kopf, vielleicht arbeiten meine Synapsen so, aber in diesem Pat-Tillman-Sumpf, in dieser Irak-Krieg-Welt, denke ich, mir gefällt diese Geschichte nicht. Und vielleicht leide ich ja wirklich unter Verfolgungswahn. Das ist jetzt, wie gesagt, sechzig Jahre her. Und der Gedanke, dass es komisch klingt und schon fast wie der zum Gehirntumor gewordene Schnitt in der Hand ist, steht mir nicht zu. Und dann sagt Jack: »Mir hat das nie gefallen, an der Geschichte war von Anfang an was faul.«

37. Margot sagt: »Ich weiß nicht, warum dein Großvater nie zu Besuch gekommen ist.« »Es gab Gerede«, sagt Jack. »Direkt danach. Doch dann ging es wie mit allem anderen in dieser Familie« – noch nie hat jemand so etwas gesagt, noch nie hat jemand das Weggucken beim Namen genannt –, »es wurde beiseitegeschoben und existierte nicht mehr.«

38. Ich bin auf einer Lesereise durch Holland. Ich wohne im Ambassade Hotel in Amsterdam, esse reichlich holländischen Käse und treffe Leute. Dann habe ich einen Tag frei. Einen Tag frei, um die Nachtwache zu sehen oder das Rotlichtviertel, um an den Kanälen entlangzuspazieren oder Dope zu rauchen. Mein Verleger, er bietet mir all diese Dinge an. »Nein, danke«, sage ich. »Ich fahre nach Maastricht, um ein Grab zu besuchen.«

39. Wenn du den Amerikanern sagst, dass du kommst, geht der Verwalter hin und macht etwas Besonderes. Er reibt Sand über den Namen deines Toten. Die Namen sind in weißen Marmor graviert und kaum zu erkennen – Weiß auf Weiß, vor dir erstreckt sich ein beeindruckendes Feld namenloser Steine. Aber durch den Sand treten der Name und die Daten hervor. Und so gehst du über ein Feld voller Kreuze und hältst nach Davidsternen Ausschau, und wenn du deinen Stern findest und die sandige Wärme des Namens siehst, hast du auf seltsamste Weise das Gefühl, empfangen zu werden, so wie du dem Toten deine Achtung erweist. Das hat etwas sehr Schönes – das mit dem nächsten Regen weggewaschen wird.

40. Willst du wissen, was ich empfunden habe? Willst du wissen, ob ich geheult habe? In meiner Familie sprechen wir nicht über solche Dinge, und nicht einmal das gestehen wir ein. Ich bin schon viel zu weit gegangen. Und rechne noch hinzu, dass ich ein Mann bin, zähle zu der normalen Heimlichtuerei und dem Alles-unter-den-Teppich-Kehren noch mein Mannsein hinzu. Das ergibt eine ganz besondere Verschwiegenheit und emotionale Distanz, so dass meine Bosnierin nie wirklich wusste, was in mir vorging.

41. Das Folgende geschah in einem Bridgeclub, und zwar etwa 84 oder 85. Meine Großeltern spielen gegen Cousin Theo und Joe Gorback. (Margot spielt nie Karten.) Gerade als der alte Joe den Dummy machen muss, fällt er vom Stuhl und stirbt. Der ganze Club wartet auf den Notarzt und die Bahre, und dann wird weitergespielt, nur am Tisch meiner Großeltern nicht, da fehlt ein Mann. Sie warten auf den Spielleiter. Sie warten darauf, dass er ­ihnen sagt, was sie tun sollen. Und Theo sieht meine Großeltern an und dann die Karten, die sein Partner vor sich ausgebreitet hatte, direkt neben dem halb gegessenen Thunfisch-Sandwich. Theo greift nach der unberührten Hälfte. Er nimmt sie und beißt hinein. »Himmel, Theo«, sagt mein Großvater. Und Theo sagt: »Es ist ja nicht so, dass Joe noch was davon hätte.« »Trotzdem, Theo, das Sandwich eines Toten.« »Es zwingt euch keiner zu was«, sagt er. »Bleibt ruhig so sitzen. Ihr könnt euch aber auch an seinen Pommes bedienen.«

42. Mein Großvater war nicht abergläubisch. Aber dieses halbe Sandwich, da ist er überzeugt, wird auf Theo lasten wie ein Fluch. Das sagt er, als Theo seinen Wagen oben auf dem Berg beim Pie Plate parkt und vergisst, die Handbremse anzuziehen. Auf dem Weg runter zum Restaurant dreht er sich noch mal um und sieht, wie sein Auto ruckt und zu rollen beginnt. Heute noch behauptet er, dass er nie in seinem Leben schneller gelaufen ist. Theo wird von seinem eigenen Volvo überfahren. Er bricht sich einige Wirbel, auch wenn man es ihm heute nicht mehr anmerkt.

43. Meine Couch ist zwei Meter zweiunddreißig lang. Sie ist dunkelgrün und hat drei Sitzkissen. Es passen jede Menge Leute darauf. Aber deswegen habe ich sie nicht gekauft. Ich habe sie gekauft, weil ich mich der Länge nach darauf ausstrecken, mich in Spielfilm-Position mit jemand zusammenkuscheln kann oder zu zweit, in entgegengesetzter Richtung, mit Lampen an beiden Enden, dort liegen und lesen kann. Ich passe darauf und dazu noch ein anderer – dazu noch sie –, und zwar bestens.

44. Sie ist weg. Sie ist weg und wird überrascht sein, dass ich noch lebe und das hier schreibe, weil sie und alle, die mich kennen, nicht geglaubt hätten, dass ich es überleben würde. Dass ich auch nur eine Minute allein sein, eine Sekunde still sein könnte. Zu einer Sekunde der Ruhe und des Friedens fähig wäre. Weil sie geglaubt haben, ich bräuchte zum Atmen eine zweite Lunge neben mir. Und wie ist es mit dem Empfinden? Den Gefühlen? Keiner in meiner Familie zeigt welche. Liebe ja. Oh, schließlich sind wir Juden. Da gibt es tonnenweise Liebe und Schmeicheleien, Küssen und Umarmen. Aber ich meine, dass einer aus der Familie, einer meines Blutes, sich hinsetzen und der Wirklichkeit ins Auge blicken würde, sich allein, ohne einen Partner, auf die Couch setzen und die Wahrheit denken und fühlen könnte, das geht nicht. Ich kann es sicher nicht. Das wusste sie. Und deshalb ist es vorbei.

45. Es ist vorbei, weil ein anderer Mensch möchte, dass du ihn brauchst, in diesem Fall sie, und zwar nicht, weil du Angst hast, allein zu sein.

46. Meine Großmutter ist einmal in ihrem Leben arbeiten gegangen. Bevor mein Großvater ihr einen Heiratsantrag machte, hat sie einen Monat als Buchhalterin in einem Möbelladen gearbeitet. Der Besitzer hatte ihr davor schon einen Antrag gemacht. Den hatte sie abgelehnt.

47. Sie hatte noch einen Job. Ich dachte, es wäre ihr Job, und das sage ich hier, weil ich die Szene in jede Geschichte einbaue, die ich schreibe. Ich baue sie in jedes Szenario, schreibe sie jeder Person zu. Es ist ein Moment, den ich in die verschiedensten Leben einfüge, um ihn anschließend wieder dar­aus zu entfernen, denn er transportiert keine Bedeutung, außer für mich. Er stammt aus dem Leben meiner Großmutter, und es geht um sie und wie sie Japankäfer von ihren Mr.-Lincoln-Rosen sammelte. Sie pflückte sie von den Blättern und steckte sie in ein Weckglas, wo sie dann starben. Und ich half ihr dabei. Für jeden Käfer bekam ich einen Penny, weil auch sie, das erklärte sie mir, von meinem Großvater einen Penny pro ­Käfer bekam. Bis ich erwachsen war, dachte ich, das sei ihre Arbeit. Ein Penny pro Käfer, während die Rosen wuchsen.

48. Über Säcke mit Mais und das eine Mal, da ich mich wie ein Mann fühlte: Mein Großvater und ich fahren zum Verkaufsstand einer Farm. Er ist geöffnet, aber es ist niemand da. Es gibt nur eine Kaffeedose mit Geld, und darüber hängt ein Schild, auf dem Selbstbedienung steht. Die Leute sollen ihre Einkäufe selbst abwiegen, das Geld dafür in die Dose legen und sich, wenn nötig, ihr Wechselgeld heraussuchen. So führt der Besitzer den Stand, wenn er knapp an Leuten ist. Wir wollen Mais kaufen, aber es gibt nicht viel, und dann fährt die Frau mit ihrem Transporter vor. Sie steigt aus, sagt hallo und öffnet hinten die Klappe. Und so wie geschäftige Leute nun mal funktionieren, hievt sie im nächsten Moment auch schon Jutesäcke von der Ladefläche. Mein Großvater sagt: »Geh rüber und hilf ihr.«

49. Ich springe auf die Ladefläche und werfe die Maissäcke herunter. Es ist genau das, was ein kräftiger junger Mann tun sollte – und ich bis dahin nie geahnt hätte. Aber ich zögere nicht. Ich entlade den ganzen Transporter mit ihr und fühle mich ruhig und stark.

50. In einigen Säcken ist Silver-Queen-Mais, in anderen Butter & Sugar, der süßeste Mais der Welt. Sie sagt, wir sollen uns nehmen, was wir wollen, aber das lehnt mein Großvater ab. Wir füllen einen Papiersack bis an den Rand und zahlen unser Geld. Später sitze ich auf den Stufen hinter dem Haus meiner Großeltern, das leere Käfer-Weckglas in den Büschen neben mir, und enthülse die Maiskolben. Durch die Fliegentür hinter mir schallt die Musik des Transistorradios, und ich, der Vorstadtjunge, der Judenjunge, habe noch nie eine größere Bestimmung empfunden, mich noch nie so sehr wie ein amerikanischer Mann gefühlt.

51. Die Frau, die ich liebe, die Bosnierin, ist keine Jüdin. All die Jahre, die ich mit ihr zusammen bin, ist das für meine Familie kein Thema. Meine Familie ist gut darin. Sie beherrscht das meisterhaft. Nicht nur die Vergangenheit kann einfach geändert und vergessen werden, verloren für die Welt. Auch die Realzeit. Die gerade vergehende Zeit. Auch die Gegenwart lässt sich ungeschehen machen.

52. Und ich liebe sie immer noch. Ich liebe dich, Bean. (Und selbst jetzt sage ich es nicht gerade heraus. Lass es mich noch einmal versuchen: Ich liebe dich, Bean. Ich sage es.) Und das stelle ich mitten in eine Kurzgeschichte, mitten in unser modernes YouTube-, iTunes-, Plugged-in-Leben. Ich kann es ihr auch gleich hier sagen. Keiner sieht zu, keiner hört zu. Vor aller Augen: Es kann keinen besseren Ort geben, um es zu verbergen.

53. An Thanksgiving, genau diesem Thanksgiving, suche ich auf dem Dachboden nach einer Soßenschüssel. Ich finde die Schüssel, meinen Karateanzug (grüner Gürtel, brauner Streifen) und eine Schuhschachtel, auf der Kommode steht. Als ich den Deckel hebe, verstehe ich: Sie enthält die Überreste aus der riesigen Kommode meines Großvaters, ein verdichtetes Leben, ausgesiebt. Ich entfalte eine Kinderzeichnung von einem Mann auf einem Stuhl. Mit einem Hut, zwei Armen, zwei Beinen, aber eines der Beine ragt schräg zur Seite, als versuchte der Mann damit zu grüßen. Der Winkel ist lächerlich und unmöglich. Die Zeichnung stammt von meiner Mutter. Sie hat sie seit Jahren nicht gesehen. Sie kann sich nicht daran erinnern, die Schachtel gefüllt zu haben.

54. Die Zeichnung zeigt Urgroßopa Paul. »Von einem Zug erfasst«, sagt sie. Und schon, auf eine liebende, ganz und gar nicht böse Weise, ganz der jüdische Sohn, bin ich absolut wütend. Sie weiß, dass ich diese Geschichte schreibe, sie weiß, dass ich alles wissen will, und plötzlich ist Urgroßopa Paul, der sein Leben lang bei der Eisenbahn gearbeitet hat, von ­einem Zug erfasst und getötet worden. Ich kann es nicht glauben. Kann ihr nicht glauben. »Oh, nein, nein«, sagt sie, »nicht getötet, das nun gar nicht. Er war achtzehn und hat es problemlos überlebt. Nur das Bein. Das konnte er nie wieder abbiegen.«

55. Das erste Mal, als mich Bean mit nach Hause nimmt, gehen wir in Williamsburg an den Fluss. Wir stehen neben ­einer heruntergekommenen alten Fabrik auf einem Indus­triegelände und starren nach Manhattan hinüber, das niedrig über dem Wasser hängt. Eine Stadt wie ein Mond, voll und hell.

56. Bean holt einen Schlüssel hervor. Der Fabrikboden hinter der Metalltür zeigt keine Spur dessen, was hier mal produziert wurde. Der höhlenartige Raum enthält einen Wirrwarr von Zimmern, lauter individuelle Strukturen, wie ein in ­einer Kiste aufgekeimtes Barackenviertel. »Ich habe viele Mitbewohner«, sagt sie. Und dann: »Ich bin gerade erst mit dem Bauen fertig. Die Jungs haben mir gestern Abend mit der ­Decke geholfen.« Weiter hinten, hinter einem Berg Fahrradteile, gibt es eine Anzahl winziger Räume mit einer Leiter, die wir hochklettern und die zu einer Art Würfel obendrauf führt. Sie hat Rahmen aller Größen und Formen gesammelt und zu vier Fensterwänden unter einer Fensterdecke zusammengebaut, durch die man hoch zu den groben Balken sehen kann. Es ist ein Wunder von einem Raum, ein komplettes Puzzle. »Jetzt brauche ich wohl Vorhänge«, sagt sie, als wir auf ihrem Bett sitzen. Und ich sage: »Du wohnst in ­einem Haus aus Fenstern, aber …«, ich mache eine Geste, »du kannst nicht hinaussehen.« Sie nimmt es gut auf und ergreift meine Hand.

57. Ich erwähne ihn meinem Großvater gegenüber nur einmal. Ich bin zu Besuch, vom College, wir trinken Whiskey und spielen Gin Rommé. Ich erwähne seinen toten Bruder Bennie – den in der Armee –, von dem ich gerade erst gehört habe. Ich sage etwas Ungeschicktes über den Einzigen aus meinem Jahrgang, der in den ersten Irak-Krieg musste, den guten. Ich sage etwas über jüngere Brüder, wo ich doch selbst ein jüngerer Bruder bin.

58. Mein Großvater nimmt eine Karte, ordnet seine Hand und steckt Kombinationen zusammen. »Eine Weile gehörte uns ein Haus. Zweistöckig. Das Erdgeschoss war an einen Deli vermietet, oben gab es zwei kleine Wohnungen. Mehr als einmal«, sagt er, »habe ich eine Leiche gefunden. Vor der Arbeit habe ich immer kurz nach dem Rechten gesehen, und da habe ich sie gefunden. Einmal auf der Treppe, und dann einen in der Gasse. Der war schon steif und hatte seinen Hut noch auf. Das waren beides keine Verbrechen aus Leidenschaft. Da ging es um Geschäfte, die Leute wurden erledigt.« Er legt seine Karten verdeckt auf den Tisch. Ich sehe ihre Rückseiten an. »Rommé«, sagt er. Und er geht auf die Veranda, um eine Zigarre zu rauchen.

59. Ich mache mir den Freedom of Information Act zunutze, um dahinterzukommen. In unserer Familie gibt es so ein Gesetz nicht, aber die Regierung, die Regierung wird dir etwas über einen vermissten Bruder erzählen. Manchmal weiht dich die Regierung in Geheimnisse ein, wenn du danach fragst.

60. Wo ist meine Bean, wenn ich sie brauche? Wo ist Bean, wenn ich ein Gefühl habe, dem ich mich nicht stellen kann? Nicht, dass ich darüber reden wollte. Es ist genau das Gegenteil, mein altes Ich in Aktion. Ich will vor ihr bleich werden und nichts sagen. Ich will Angst bekommen und sie ­bitten, mich, sollte jemand anrufen, unter dem Bett hervorzuholen. Aber sie tanzt im Moment auf Tischen. Das sehe ich in meinem Kopf. Und das ist unser Standardwitz bei den seltenen Gelegenheiten, wenn wir uns unterhalten. Ich sage: »Wann immer ich mich frage, was du gerade machst, stelle ich mir vor, dass du auf Tischen tanzt.« »Aber klar«, sagt sie, »so bin ich. Jeden Abend beim Tanzen.«

61. Dieser Brief ist echt, in beiden Reichen echt. Es ist ein Umschlag der Regierung, gefüllt mit einem Bündel Blätter, ungleichmäßig mit der Maschine ausgefüllten Formularen, verblichenen Kopien mit viel Platz für angeheftete Erklärungen. Einem handschriftlichen Brief meines Großvaters. Es ist eine schöne, intelligente, selbstsichere (keine arrogante) Schrift. Ein höflicher Brief an die Regierung, ein klarer, sauberer Brief. Er schreibt im Auftrag seiner Mutter, wegen ihres Sohnes. Seines Bruders, der im (nach dem) Krieg umgekom­men ist. Sie hätten alle Formulare ausgefüllt, die Sachen seines toten Bruders aber immer noch nicht bekommen. Er frage sich, wann sie wohl kämen. Bennies persönliche Habe. Seine weltlichen Besitztümer.

62. Hier bin ich, mein fikionalisiertes Ich, das auf der Couch sitzt und einen Brief in der Hand hält, in der Handschrift meines Großvaters. Ich weine. Ich weiß nicht, ob ich seine Handschrift je zuvor gesehen habe. Ich überlege, ob ich meine Mutter anrufen und ihr sagen soll, was ich da in der Hand halte. Ich überlege, ob ich meinen Bruder anrufen soll oder vielleicht Cousin Jack. Tatsächlich aber denke ich vor allem daran, meine verlorene Liebe anzurufen. Meine verlorene Geliebte. Weil sie es ist, die ich mir bei mir wünsche. Mit ihr will ich über diesen Brief reden. Und mehr noch: Dass ich aus wahrer Traurigkeit weine, nicht aus Wut, nicht aus Enttäuschung, weder entmutigt noch verwirrt, einfach weil es so ist, wie es ist, und dass es mir das Herz bricht und ich noch nie so ein reines Gefühl verspürt habe, das will ich ihr sagen. Dass ich ein reines Gefühl fühle, vielleicht mein erstes wahres Gefühl. Und darauf, ich gebe es zu, bin ich stolz.

63. Ich trauere um meinen Großvater, der jetzt seit zehn Jahren tot ist, seine Mutter, die vor vierzig Jahren, und seinen Bruder, der vor sechzig Jahren von dieser Welt gegangen ist. Ich sitze allein auf meiner Couch und weine. Es ist die Reinheit des Briefes, die Schlichtheit: dein letzter Bruder tot, und du fragst nach seinen Sachen.

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