»Es ist ein Anfang, zurückzugeben, was man genommen hat«

 

Die bewegende Geschichte des Bruce’s Beach und das Echo des Rassismus

von Linda Nübling und Joana Strickland

 

Willa Bruce ist Unternehmerin in den USA und führt erfolgreich mit ihrem Mann Charles ein Baderesort am Strand der kalifornischen Stadt Manhattan Beach. Zahlreiche afroamerikanische Gäste besuchen täglich diesen schutzgebenden Ort und genießen unbeschwert die Sonnenstrahlen und die Freude am Wasser. Zu diesem Zeitpunkt weiß Willa noch nicht, dass die beiden ihr Resort bald unfreiwillig aufgeben müssen. Denn es ist 1912 und Willa und Charles sind Schwarz.

In den Jahren 1912 und 1920 kaufte Willa Bruce zwei Grundstücke entlang des Strandes in Manhattan Beach. Wie viele andere Afroamerikaner:innen zog Familie Bruce im Zuge der »Great Migration« nach Westen. Auf der Suche nach Möglichkeiten, an der Verheißung des kalifornischen und amerikanischen Traums teilzuhaben, »vom Tellerwäscher zum Millionär« im »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«. Oder auch, um dem Rassismus der amerikanischen Südstaaten zu entkommen, der dort auch heute noch besonders ausgeprägt ist.

»Unweigerlich muss ich bei der Geschichte von Willa und Charles immer wieder an meine Familie, die in den amerikanischen Südstaaten lebt, denken. Dabei schweife ich in Gedanken zu meinen Großeltern oder meinem Vater. Die Geschichte der Bruces erinnert mich schmerzhaft daran, dass auch meine Familie diskriminiert wurde. Dass – sogar noch in den 1960er Jahren, was eigentlich nicht allzu lange her ist – mein Vater als kleines Kind nicht die gleichen Rechte hatte wie meine weiße Mutter hier in Deutschland.« (Joana)

Zurück zu den Bruces: Kurz nach dem Kauf der Grundstücke verwandelten Willa und ihr Ehemann Charles die Parzelle gemeinsam in einen Strandbadeort namens Bruce’s Lodge, der Schwarze Strandbesucher:innen aus ganz Los Angeles und darüber hinaus willkommen hieß. »Bruce’s Beach«, wie er umgangssprachlich genannt wurde, florierte, missgünstig beäugt von den Bewohner:innen der umliegenden mehrheitlich weißen Gemeinde. Während weitere Schwarze Familien Grundstücke in der Nähe kauften und damit den Beginn einer kleinen Black Community begründeten, reagierten viele der weißen Bewohner:innen mit Feindseligkeit, Vandalismus und Rassismus. Die Jim-Crow-Gesetze, die nach der Abschaffung der Sklaverei 1865 »Rassentrennung« propagierten, bildeten den Nährboden für dieses Verhalten. 

1924 stimmte der Stadtrat von Manhattan Beach anlässlich einer Petition lokaler weißer Grundstückbesitzer:innen dafür, das Gelände des Bruce’s Resorts sowie das umliegende Land durch eine Verfügung für den Bau eines Parks zu beschlagnahmen. Familie Bruce wurde letztendlich aufgrund dieser Berufung aus Manhattan Beach vertrieben und zog aus der Stadt fort. Bruce’s Beach wurde zu einem Symbol der rassistischen Widrigkeiten dieser Zeit. Zahlreiche Dokumentationen und Zeitzeug:innenberichte belegen, dass der wahre Grund für die Enteignung rassistisch motiviert war. Mit der eigentlichen Absicht dahinter: dem erfolgreichen Black-owned Business des Ehepaars ein Ende zu setzen und weitere Afroamerikaner:innen daran zu hindern, sich in Manhattan Beach niederzulassen.

Das Gericht bestätigte damals den Anspruch der Stadt Manhattan Beach auf ihr vermeintliches Eigentum, ohne dem Ehepaar Bruce Mitspracherecht zu gewähren. Durch eine Verfügung wurde eine finanzielle Abfindung für das beschlagnahmte Land festgesetzt. Die Stadt ließ das damalige Resort zwar unmittelbar abreißen – noch bevor die Frage des Grundstückswerts geklärt war –, angebliche Bauvorhaben wurden jedoch in der Folgezeit gar nicht umgesetzt. Das Land lag mehrere Jahrzehnte brach. Fast dreißig Jahre später wurde schließlich ein öffentlicher Park angelegt.

Mitch Ward, der Bürgermeister von Manhattan Beach sowie erstes Schwarzes Stadtratsmitglied, bemühte sich 2007 zusammen mit lokalen Bürger:innen, den Park abermals in Gedenken an Bruce’s Beach umzubenennen. Das Los Angeles County, dem das Land zu diesem Zeitpunkt gehörte, erkannte diesen Fall der Enteignung und der rassistischen Diskriminierung an. Die Umbenennung erfolgte mit sofortiger Wirkung. Bis zum Prozess und zur Rückgabe des Landes sollten allerdings noch weitere fünfzehn Jahre vergehen.

Im Jahr 2020, nach der Ermordung von George Floyd, führten die Black Lives Matter Bewegung und die gestärkte Selbstbestimmung der Schwarzen Community in den USA zu Forderungen nach Reparationen. Es bot sich nun die Gelegenheit, das historische Unrecht wiedergutzumachen. Nach einem zweijährigen Prozess wurden im Mai 2022 die Grundstücke, nach fast hundert Jahren, ihren rechtmäßigen Eigentümer:innen, den beiden Urenkeln der Bruces, überschrieben. Auch wenn, wie ein Anwalt der Bruces es formulierte, »es unmöglich ist, der Familie alles zurückzugeben, was sie verloren hat«.

Wenn wir uns mit der Geschichte von Bruce’s Beach befassen, stellen wir fest, dass seine Geschichte stark mit zeitgenössischen Themen wie Rassismus und dem anhaltenden Kampf gegen Diskriminierung verknüpft ist. Während der offene Rassismus in den USA des frühen 20. Jahrhunderts wie ein verstaubtes Relikt aus der Vergangenheit erscheinen mag, sind die Nachwirkungen in Form des systemischen Rassismus weltweit in den verschiedensten Formen vorhanden – auch in Deutschland. Täglich ist der strukturelle Rassismus in allen Lebensbereichen immer wieder mehr als offensichtlich. Er zeigt sich in tief verwurzelten Vorurteilen und in stereotypischen Denkmustern, für die sich endlos Beispiele aufführen ließen. Dies würde aber schon den ersten Schritt der Eigenverantwortung untergraben. Mittels Recherche und Literatur lassen sich diese Denkmuster einfach herausfinden und betroffene Personen müssen nicht erneut ungewollte Aufklärungsarbeit leisten. Eine stetige Retraumatisierung Betroffener lässt sich dadurch vermeiden. Häufig kann man ihn gar nicht benennen. Manchmal ist da nur ein bedrohliches Gefühl, das wir spüren, das einem immer und immer wieder abgesprochen und durch Worte, Taten oder Blicke erzeugt wird. Wir, »die anderen«, werden auf stereotype Merkmale aufgrund der äußeren Erscheinung oder ethnischen Zugehörigkeit reduziert, ohne die individuellen Geschichten und Erfahrungen zu berücksichtigen. Der Voyeurismus der weißen Mehrheitsgesellschaft spiegelt hier oftmals die eigene Angst vor dem Andersartigen wider. Im Fall der Bruces endete dies in der unrechtmäßigen Enteignung von Land, im Fall der Schwarzen Community heute zeigt es sich in anderen Formen. 

Nehmen wir den Black History Month, einen Monat, der die bedeutenden Beiträge Schwarzer Geschichte ehren, sichtbar machen und in verschiedene Generationen weitertragen soll. Dieser Monat bietet uns allen die Gelegenheit, tiefer über historische Ereignisse nachzudenken und daraus gemeinsam etwas Gutes für eine inklusivere Zukunft mitzunehmen. Was soll daran schlecht sein? 

Gerade um den Black History Month herum – in Deutschland ist es der Februar – ist das Engagement für Diversität besonders hoch. Das äußert sich in Anfragen großer Marken und Unternehmen, die sich der Ästhetik und Kultur der Schwarzen Community gern bedienen und sich diese zu eigen machen. Sei es, um sich den gewissen »Swag« zu verschaffen oder um den Eindruck von Diversität und »Support marginalisierter Gruppen« in ihren Kampagnen zu erwecken. Sobald der Black History Month aber vergangen ist, klingt das Interesse recht abrupt ab und die Schwarze Community befindet sich buchstäblich wieder in der Auftragswüste. Böse Zungen würden auch hier von einer Art Ausbeutung oder gar Enteignung sprechen. Obwohl Enteignung und kulturelle Aneignung unterschiedliche Konzepte sind, können sie in bestimmten Kontexten miteinander verbunden sein. Enteignung per se kann zu materiellen oder identitären Verlusten führen. Kulturelle Aneignung kann auch eine Form von symbolischer Enteignung sein, wenn Elemente ohne Anerkennung, Respekt oder entsprechenden Ausgleich übernommen werden. Trotz der frustrierenden Herausforderungen bleibt der Black History Month ein bedeutendes Instrument zur Bewusstseinsbildung. Er bietet die Gelegenheit, die Geschichte und Kultur Schwarzer Menschen zu feiern und zu erforschen – vorausgesetzt, er dient nicht nur als oberflächliches Mittel zum Zweck.

»Aus persönlicher Erfahrung kann ich berichten, dass ich wiederholt, unter dem Vorwand von Empowerment und Sichtbarkeit, von großen Marken gebeten wurde, meine Geschichte und mein Projekt ›GURLZ WITH CURLZ‹ zu präsentieren. Das vermeintliche Konzept entpuppte sich als nicht aussagekräftig und berücksichtigte weder angemessen meine Persönlichkeit noch die Perspektiven Schwarzer Frauen*. Trotz konstruktiver Kritik zeigte sich kaum Bereitschaft, die ursprüngliche Ausrichtung zu überdenken. Letztendlich blieb jeweils nur die Entscheidung, das Projekt abzusagen, um mir selbst treu zu bleiben.« (Linda)

Dennoch ist es erfreulich zu beobachten, dass Schwarze Stimmen zunehmend Gehör finden. Das Vokabular zur Benennung der alltäglichen Erfahrungen Schwarzer Menschen in Bezug auf diskriminierende Verletzungen ist mittlerweile verbreiteter. Es ist nicht mehr nur dieses bedrohliche Gefühl, mit dem die Betroffenen selbst umgehen müssen. Das macht Rassismus endlich greifbar und zu einer unausweichlichen Realität, die nicht mehr einfach ignoriert werden kann.

Trotz dieser Fortschritte gibt es jedoch noch viel zu tun. Rassismus bleibt in vielen Teilen der Welt ein tief verwurzeltes Problem und es erfordert weiterhin eine umfassende Anstrengung auf individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Dass nicht nur marginalisierte Gruppen selbst für Gleichheit und Mitspracherecht einstehen, sondern auch ihre Allies, ihre Verbündeten, diesen Kampf unterstützen. Natürlich wären schnellere Veränderungen wünschenswert. Doch es ist ermutigend zu sehen, dass Menschen aus ihrem Winterschlaf erwachen, dazulernen und sich vereinen, um gegen unmenschliche, die Demokratie gefährdende Politik vorzugehen und eine Grundlage für eine vielfältige und friedliche Gesellschaft zu bauen und zu bewahren.

Für uns ist es beruhigend zu erkennen, dass nicht nur diejenigen kämpfen, die direkt betroffen sind, sondern auch jene, die dieselben humanen Werte teilen. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn nicht erst eine Katastrophe geschehen muss, um ein Bewusstsein zu schaffen. Die positive Entwicklung am Beispiel von Bruce’s Beach gibt Hoffnung. Es hat sehr lange gedauert, doch am Ende gibt es immer mindestens eine Person, der das Gute innewohnt und die dafür kämpft, vergangene Fehler wiedergutzumachen. Alle können diese Person sein – jeden Tag, in jedem Moment.

 

Linda Nübling ist Gründerin und CEO des GURLZ WITH CURLZ Studios und des gleichnamigen Magazins, das sich seit 2017 mit den Lebensrealitäten Schwarzer Frauen* in deutschsprachigen Ländern befasst. Die Münchner Kommunikationsdesignerin liebt Buttercroissants, ist verrückt nach gutem Essen sowie Sonne und liebt tolle Ästhetik und Sprache.

Joana Strickland ist Teil des GURLZ WITH CURLZ Teams, Kaffeeexpertin und hat eine große Leidenschaft für Essen und Bücher. Sie lebt in Köln. Aufgrund ihrer familiären Verbindung in die USA hat die Arbeit an diesem Artikel sie besonders berührt.

 

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