Everything is alive 

Alles lebt

Text von Ian Chillag

Lesedauer: 5 Min.

I Ian

G Gary

 

Ausgetauscht. Von Blut, Urin und der menschlichen Essenz.

 

I: Würdest du dich uns vorstellen?

G: Okay. Hi, ich bin Gary. Ich bin eine Niere.

I: Das Organ.

G: Genau. Manche Organe sind laut, manche aggressiv, manche fordern ihren Tribut. Andere Organe filtern menschliches Blut. Ich bin eins von den letzteren.

I: Kannst du mir sagen, wo du lebst?

G: In einem Körper. Für gewöhnlich befinden sich die meisten Nieren in Körpern. Wenn eine Niere sich außerhalb eines Körpers befindet, ist etwas sehr schiefgelaufen. Für die Niere und für den Körper.

I: Erzähl mir doch von dem Körper, in dem du lebst.

G: Im Prinzip bin ich gerade umgezogen.

I: Du bist gerade umgezogen?

G: Ja. Ich habe mein ganzes Leben in einem anderen Körper verbracht. Dort wurde ich geboren. In diesem Körper lebe ich erst seit ein paar Monaten.

I: Krass. Ich bin auch gerade umgezogen.

G: Ah! Und wie gefällt dir dein neuer Körper?

I: Naja, ich bin nicht in einen neuen Körper gezogen, sondern in ein neues Haus. 

G: Ach so. Dann vermute ich, dass dein Umzug etwas anders verlaufen ist als meiner. Es sei denn, eines Tages öffneten riesige Hände dein Dach, griffen hinein und packten dich. Und nach einem Moment in der Luft, umgeben von nichts als Verwirrung und blendendem Licht, setzten sie dich in ein völlig neues Haus, wohlgemerkt ein Haus, das du noch nie zuvor gesehen hast – ohne auch nur zu fragen, ob du das willst. 

I: Das menschliche Umziehen hat zwar auch seine Tücken, aber ganz so unheimlich war es nicht.

G: Tja. Ich nehme mal auch an, dass du völlig freiwillig dein Haus durch eine der normalen Öffnungen verlassen konntest. Eine »Tür« nennt man das, oder? In meinem Fall haben sie eine komplett neue Öffnung geschaffen. Ein Körper hat ja bereits seine Durchgänge. Wenn dann ein neuer auftaucht, weiß man, dass man sich in einer misslichen Lage befindet. Meines Erachtens ist das der Schlüssel zum menschlichen Überleben:

Vermeide so viele neue Öffnungen wie möglich.


I: Ja, an sich sind neue Körperöffnungen eher kontraproduktiv fürs Überleben. Aber in deinem Fall – es klingt wie eine Transplantation – ist es doch eher gut. 

G: Sicher, eine Lebendorganspende hört sich auf Anhieb gut an. Ist aber auch irgendwie Kidneynapping … Ich würde sagen, auf jeden Fall eine Form von Nierenraub. 

I: Ich denke, die meisten Spender:innen sehen die Transplantation eines ihrer Organe als Wohltat und nicht als Straftat.

G: Egal wie man es sieht: Ich befinde mich nun in diesem Körper, und mein alter Körper läuft irgendwo ohne mich herum.

I: So gesehen ist das doch auch traurig, und seltsam.

G: Mein Körper könnte überall sein. Es könnte deiner sein, Ian, und ich würde es nicht einmal wissen. Ich habe ihn ja immer nur von innen gesehen. Also im Ernst: Bist du mein Körper? 

I: Nein.

G: Okay. Schien mir tatsächlich auch etwas weit hergeholt.

I: Das ist jetzt vielleicht eine unangenehme Frage, aber merkt man überhaupt, wenn man in einem anderen Körper steckt? Also ich würde denken, dass alle Körper im Inneren ziemlich ähnlich sind. Die Organe befinden sich in der Regel bei allen Leuten am selben Platz, das Blut sieht bei jedem gleich aus, unsere Knochen befinden sich an den gleichen Stellen, wir sind im Allgemeinen alle aus den gleichen Dingen gemacht.

G: O nein, nein, nein. Es ist völlig anders. Hier drin ist es absolut verrückt. Alles quetscht sich anders. Und der größte Unterschied? In meinem alten Körper … hatte ich Marco.

I: Marco?

G: Marco. Meine andere Niere.

I: Natürlich. Und in deinem neuen Körper … 

G: … hier gibt es nur mich. Und ich schätze, Marco ist nun auch allein. Er hat geschlafen, als ich rausgeholt wurde. Wir haben beide geschlafen. Er ist bestimmt ein paar Stunden später aufgewacht, hat rübergeschaut, und ich … war einfach weg. Keiner von uns wusste überhaupt, dass wir gehen konnten. Wir dachten, unser Körper sei das ganze Universum. Ich schätze, Marco tut das immer noch, und ich bin einfach nicht mehr da. Am liebsten würde ich weinen. Aber ich kann nur Blut und Urin machen.

I: Ich habe einen Freund, der seinem Bruder eine Niere gespendet hat. Ich glaube, das passiert öfter, dass jemand, den man kennt, einem eine Niere spendet, wenn man eine braucht. Es kann also sein, dass der Körper, in dem du dich jetzt befindest, in der Nähe des Körpers ist, aus dem du kommst. Marco lebt also vielleicht in deinem Umfeld.

G: Das fühlt sich ja noch schlimmer an. 

I: Tut mir leid.

G: Schon in Ordnung.

I: Weißt du was, wenn du mich fragen würdest, ob meine Organe ein Teil von mir sind – ein Teil von dem, was ich bin –, würde ich Ja sagen. Aber wenn du mich fragen würdest, ob ich ohne einige von ihnen weiterhin ich selbst sein würde, würde ich auch Ja sagen. Und es kommt mir seltsam vor, dir das so direkt zu sagen, aber wenn ich jemandem eine Niere spenden würde, würde sie mir nicht fehlen. Ich wäre immer noch ich.

G: Und wenn dein Niere durch die eines anderen Menschen ersetzt werden würde?

I: Wäre ich immer noch dieselbe Person.

G: Und wenn dann alle deine Organe und Knochen, Stück für Stück ersetzt werden würden, an welchem Punkt würdest du aufhören, du selbst zu sein?

I: Die Frage ist also: Bin ich selbst noch das Schiff des Theseus?

G: Ja.

I: Ich denke, man könnte fast alles ersetzen, und ich wäre immer noch ich. Aber wenn man versuchen würde, mein Gehirn zu ersetzen, wäre ich nicht mehr ich selbst.

G: Dann ist es vielleicht das, was das menschliche Selbst ausmacht:

Es ist die Summe aller Dinge, die man nicht ersetzen kann.

 

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