Zeitenwende

Text von Thomas Macho

Lesedauer: ca. 6 Min. 

Wer heute nach den Schlüsselworten unserer Gegenwart sucht, stößt rasch auf die Rede von einer Zeitenwende, die durch schwere Krisen – Kriege, drohende Hungersnöte, Pandemien und Klimawandel – herbeigeführt werde. Die nahezu täglich beschworene Zeitenwende lässt sich konkretisieren: als Forderung nach einer ökologischen Wende, einer Energiewende, einer Mobilitätswende, einer Ernährungs- und Fleischwende. Als Anthropozän wird das Zeitalter einer durch die menschliche Gattung herbeigeführten planetarischen Krise bezeichnet; doch zum Anthropozän gehört auch die Hoffnung, dass die Menschheit diese umfassende Krise bewältigen könnte. Manchmal wird zwar bezweifelt, dass die notwendige Zeitenwende gelingt; dann aber wird die Rede von der Zeitenwende in die Imagination einer Endzeit, eines Weltuntergangs transformiert. Die alten Szenarien der Apokalyptik werden wiederbelebt, freilich ohne die Erwartung einer himmlischen Stadt, in der Gott selbst die Tränen der Einwohnerschaft abwischen und alle Schmerzen, ja sogar den Tod, auslöschen werde.

Zeitenwende: Die Zeit erschien den meisten Kulturen in doppelter Gestalt. Einerseits als himmlische Zeit, als komplexes System der Zyklen, Wanderungen und oft verschlungenen Bewegungen der Himmelskörper, andererseits als irdische Zeit, als Wechsel der Geburten und Tode, als Ordnung der Generationen, als Chronologie und Geschichtsschreibung. Zyklische oder lineare Zeit? Beide Zeitgestalten waren nicht verlässlich. Während die Zyklen von Sonne, Mond und Planeten ihre mathematische Berechnung jahrtausendelang erschwerten, wurden die Register der Abstammung häufig verwirrt: Kinder starben vor ihren Eltern, und Kriege, Seuchen oder Hungersnöte vernichteten die Archive. Auch die meisten Versuche, die Systeme der himmlischen und der irdischen Zeit durch Mythen, Rituale oder Horoskope zu koordinieren, blieben fragil. Die Sterne konnten lügen, und nicht selten scheiterte die mit gewaltigen Anstrengungen unternommene Repräsentation der Himmelsrhythmen in den irdischen Zeiten. So eng konnte ein König, beispielsweise im altägyptischen Bestattungsritual der Pharaonen, gar nicht mit der Sonne assoziiert werden, dass sein Tod die Gemeinschaft nicht in tiefe Verwirrung gestürzt hätte. Und bei aller Genauigkeit der Voraussagen von Sonnenwenden oder Äquinoktien ließen sich nicht einmal die Erfolge der nächstjährigen Ernte verlässlich prognostizieren. Bekanntlich avancierte ein junger Hebräer zum Berater des Pharaos, weil er – durch Traumgesichte belehrt – sieben fette und sieben dürre Jahre anzukündigen vermochte. Er verfügte demnach über einen damals sensationellen Planungshorizont von vierzehn Jahren.

Denn die Kulturen der Alten Welt waren stets bedrohte Kulturen. Hunger, Kriege, Seuchen oder Naturkatastrophen gefährdeten nicht nur die Individuen, sondern oft genug auch das Überleben der jeweiligen Gemeinschaft. Ihre Grundfrage lautete darum: Wer oder was schützt uns vor dem drohenden Zusammenbruch, nicht in ferner Zukunft, sondern morgen, in der nächsten Woche und im neuen Jahr? Dieser drängenden Frage musste eine Antwort erteilt werden, die durch Beobachtungen fundiert, aber auch durch Rituale inszeniert, narrativ wiederholt und den Bevölkerungen eingeprägt werden konnte. Astronomische Aufzeichnungen verlangten geradezu nach ihrer Übersetzung in kulturelle Praktiken und mythische Erzählungen; so materialisierte sich beispielsweise die Berechnung der Wintersonnenwende in zahlreichen Festen und Zeremonien. Erst die konkrete Integration von Kalenderkalkülen, Mythen und Ritualen verlieh der Zeit – als himmlischer und als irdischer Zeit – einen erfahrbaren Ausdruck, der die allgegenwärtige Untergangsdrohung, die pure Kontingenz des Schicksals, abschwächte.

Nicht zu Unrecht wurde daher immer wieder ein enger Zusammenhang zwischen kosmogonischen Mythen, Systemen der Zeitrechnung und rituellen Praktiken vermutet. 1969 haben der italienisch-amerikanische Wissenschaftshistoriker Giorgio de Santillana und die Frankfurter Ethnologin Hertha von Dechend den Nachweis zu führen versucht, dass die Mythen der alten Kulturen auf Himmelsbeobachtungen und astronomisch komplexen Konstruktionen beruhen. Solche Theorien demonstrieren auch ein methodisches Problem, das der modernen Ausdifferenzierung der Wissenschaften entspringt. Wir sind daran gewöhnt, das Altertum aufzuteilen in die Felder der Kunstgeschichte, Wissensgeschichte oder Religionsgeschichte. Implizit wird dann angenommen, dass Kunstwerke auf andere Kunstwerke verweisen, mathematische Erkenntnisse auf andere mathematische Erkenntnisse, Mythen und Rituale auf andere Mythen und Rituale. Tatsächlich bilden aber Kunst, Wissen und Religion in den Kulturen der Alten Welt eine Einheit, die sich den methodischen Spezialisierungen moderner Wissenschaften widersetzt. Die Einheit von Kunst, Wissen, Mythologie und kultisch-ritueller Praxis kennzeichnet in besonderem Maße die frühe Geschichte des Umgangs mit der Zeit: astronomische Aufzeichnungen, Kalenderrechnungen und religiöse Festinszenierungen.

 

 

Bei aller Faszination, die von Jubiläen oder Jahrhundertwenden ausstrahlen, ist uns dieser ehemalige Problemhorizont der Zeitrechnung – zumindest im alltäglichen Leben – weitgehend unkenntlich geworden. Wir benutzen routiniert die Uhren und Terminkalender, überschreiten beim Reisen ganz selbstverständlich irgendwelche Datumsgrenzen und sind daran gewöhnt, die Zeiger der Armbanduhren zweimal im Jahr zum Beginn der Winter- und Sommerzeit um eine Stunde zu korrigieren. Niemand würde zu Zwecken der Navigation oder der Zeitbestimmung den Blick zum Himmel erheben, ganz abgesehen davon, dass aufgrund des »Lichtsmogs« in den urbanen Metropolen gar keine Sterne mehr wahrgenommen werden können. Sterne sieht man in Science-Fiction-Filmen; im Kino werden sie gleichsam als Tapeten einer chaotischen Unendlichkeit genossen. Kein:e Leser:in der Horoskope in den Tageszeitungen käme dagegen auf die Idee, die Sternbilder am Himmel zu suchen.

Umso dringlicher stellt sich die Frage: Was ist und was war eigentlich Zeitrechnung? Was war einmal ein Kalender? Eine erste Antwort könnte lauten: Kalender waren und sind Aufzeichnungssysteme. Doch was wird aufgezeichnet oder aufgeschrieben? Notiert wird nicht der Fluss einer homogenen, unstrukturierten Zeit, sondern deren Unterbrechungen, Rhythmen, Zyklen, Wiederholungen. Denn was homogen und unterschiedslos vorüberstreift – wie ein Rauschen der Augenblicke –, erzeugt keinerlei Information und widersetzt sich somit von vornherein der Idee, aufgeschrieben zu werden. Obwohl jedes Kalendersystem die Vorstellung evoziert und nährt, die Zeit gehe unwiderruflich vorüber – nie mehr werden wir einen bestimmten Kalendertag, beispielsweise den 1. Januar 2022, erleben –, ist es doch konstruiert aus lauter Elementen, die auf spezifische Perioden, also auf zeitliche Wiederholungen, verweisen. Ein Tag verweist auf den Rhythmus der Erdumdrehung und den damit zusammenhängenden Wechsel von Tag und Nacht, eine Woche oder ein Monat verweisen auf den Umlauf des Mondes und den damit zusammenhängenden Wechsel von Vollmond und Neumond, ein Jahr verweist auf den Umlauf der Sonne und den damit zusammenhängenden Wechsel der Jahreszeiten. Die meisten Instrumente der Zeitmessung erinnern an diese Periodisierungen; selbst die Zeitangaben auf einer digitalen Anzeigetafel wiederholen sich dem äußeren Anschein ebenso häufig wie die Zeiger einer Uhr, die regelmäßig denselben Ziffernkreis durchwandern.

Kalender sind Aufzeichnungssysteme, die der beliebten Polarisierung von linearer und zyklischer Zeitrechnung opponieren. Ihre Leistung besteht gerade darin, diese scheinbar gegensätzlichen Zeitgestalten zu vermitteln und zu integrieren. Kalender exponieren eine Logik der Ereignisse, wie sie beispielsweise durch Annalen, chronologische oder genealogische Register definiert werden, in einem Horizont von Zyklen und Perioden, die astronomisch und historisch zugleich geprägt werden; das Weihnachtsfest erinnert zwar an einen einzigen Geburtstag, aber auch an die Wiederkehr der Wintersonnenwende. Kalender verschränken demnach Ereignisse und Zyklen, astronomisch und kulturell relevante Zeitpunkte. Sie berechnen chronologische Serien durch deren Strukturierung; sie messen Zeit, indem sie deren Kontinuum mithilfe von Wendepunkten – etwa der Äquinoktien oder eines Jubiläums – als Reihe und als Periode zugleich konstruieren. Diese Konstruktionen sind keineswegs trivial. Denn schon die Bahnen der Gestirne haben den kosmologischen Erwartungen der Astronomie stets einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem sie sich jeder einfachen Berechnung und Relationsbildung entzogen. Heute wissen wir, dass ein exakter Mondumlauf 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 2,9 Sekunden dauert. Ein Sonnenumlauf benötigt dagegen 365 Tage, 5 Stunden, 48 Minuten und 45,97546 Sekunden: also eine Spanne von 365,24219879 Tagen. Dabei lassen sich nicht einmal diese Maße für alle Ewigkeit fixieren; ein Tag hat genau genommen nicht immer 24 Stunden gedauert. Durch Messungen wurde nämlich festgestellt, dass die Erde sich immer langsamer dreht, sodass die Tage jährlich um wenige Millisekunden länger werden. Astronomen haben berechnet, dass ein Tag vor rund 400 Millionen Jahren nur 21 Stunden dauerte; mit anderen Worten: Fiktive intelligente Beobachter:innen hätten damals 402 Sonnenaufgänge in einem Jahr erleben können.

Die Idee der Zeitenwende konstituiert den Kalender. Der Wirbel um das Millennium vor 22 Jahren – einschließlich diverser Ängste und Weltuntergangsprophezeiungen – war auch darum so bemerkenswert, als er eine Art von kalenderpolitischer Siegesfeier verkörperte. Es sah so aus, als hätte die Welt sich auf den christlichen Kalender geeinigt. Der Prozess der kalendarischen Globalisierung war anscheinend zu seinem Ende gekommen; am Neujahrsmorgen des Jahres 2000 berichteten Fernsehanstalten und Internetseiten von spektakulären Feiern auf allen Kontinenten und in allen Großstädten. Die Welt war nicht untergegangen – nicht einmal durch versagende Computersysteme –, sondern geradezu aufgegangen in einer einheitlichen Zeitrechnung. Dahinter verbirgt sich eine seltsame Pointe: Der christliche Kalender gehört ja zu den wenigen Kalendern, die eine explizite Zeitenwende voraussetzen, nämlich ein Achsenereignis – die Geburt Christi –, das eine Zeitrechnung vor und nach diesem Ereignis ermöglicht. Die meisten anderen Kalender sind ursprungsfixiert. Sie rechnen mit Anfangsereignissen wie der Weltschöpfung, der Sintflut oder einer Stadtgründung, die periodisch erinnert werden können. Nur die achsenzentrierten Kalender ermöglichen lange Zeiträume, die sich vor oder nach dem jeweiligen Ereignis in die Vergangenheit und Zukunft erstrecken können. Und unsere aktuelle Konjunktur der Zeitenwende? Mit ihr verbinden sich Ängste vor Atomangriffen, Seuchen, Artensterben, Klima- und Hungerkatastrophen – Ängste vor einer Zeitenwende, mit der das Ende der Menschenzeit, des Anthropozäns, beginnen könnte, wenn wir nicht energische Veränderungen unseres Lebens einleiten und durchsetzen.

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