Das Klavier
Text von Jan Weiler
Kunst von Marc Krause, Fred Lahache, Peter Jaunig über Connected Archives
Lesedauer: 15 Min.
Kein Mensch kommt um die Vorlieben der Eltern herum. Beziehungen zu elterlichen Bezugspersonen verändern uns lebenslang. Die ersten Jahre unseres Lebens wohnen wir mit ihnen unter einem Dach. Frühstücksmarotten, Sportvorlieben oder Lieblingssendungen kreieren dabei unser Lebensumfeld. All das prägt uns, ob wir wollen oder nicht. Was aber, wenn aus Vorlieben Obsessionen werden?
Ein Entrinnen scheint es nicht zu geben. Nicht mal, wenn man drüber lachen kann.
Das von meiner Mutter mit in die Ehe meiner Eltern gebrachte Klavier stand als pechschwarzes Monument des Scheiterns in unserem Wohnzimmer. Nur sehr selten spielte mein Vater darauf. Dann holte er Noten hervor und versuchte sich an etwas von Frédéric Chopin. Aber er war kein besonders guter Pianist und ich glaube, das hat ihn geärgert. Er spielte nämlich nie lange und mit einer gewissen Verdrossenheit, so als wolle er lediglich seine mäßige Begabung noch einmal kontrollieren und bestätigen. Sobald diese ausreichend belegt war – also nach etwa zwei Minuten –, räumte er die Noten weg, klappte den Klavierdeckel zu und legte eine Schallplatte mit einer schönen Symphonie auf, wie um damit die Schallwellen zu vertreiben oder sogar vergessen zu machen, die er kurz zuvor erzeugt hatte. Manchmal dirigierte er zur Schallplattenmusik. Später schenkten wir ihm dafür einen schönen Dirigentenstab aus Elfenbein, aber er hat ihn nie benutzt, jedenfalls nicht, wenn wir dabei waren. Er wäre wohl sehr gerne Musiker geworden, aber es hat sich nicht ergeben, was nicht an seiner mangelnden Begabung lag. Diese hätte er durch Fleiß ausgleichen können. Das machen viele. Zudem wäre vielleicht ein guter Komponist aus ihm geworden, oder ein Musiktheoretiker. Aber aus kleinen Ostberliner Verhältnissen stammend gab es für ihn zu Beginn der sechziger Jahre einfach Wichtigeres als Musik. Mein Vater wurde also Kaufmann und wenn schon nicht Musiker, so doch wenigstens ein fanatischer Liebhaber klassischer Musik. Ersparnisse investierte er in Opernbesuche, später in altarähnliche Stereoanlagen mit Boxen groß wie Hundehütten. Einmal haben wir in einem der Lautsprecher eine tote Maus entdeckt. Ich bin sicher, sie hatte einen Herzinfarkt. Wahrscheinlich durch Richard Wagner.