Interview von Martina Borsche
Fotografie von Dávid Biró

Lesedauer: 4 Min.

Der ungarische bildende Künstler Dávid Biró hat in den Bildern zu seiner Reihe »Do you accept cookies?« (Akzeptieren Sie Cookies?) Installationen geschaffen, die menschliche Gesichter imitieren. Damit hinterfragt er, was für das menschliche Auge ein Gesicht ist, und untersucht, was die Algorithmen unserer Smartgeräte als Gesicht erkennen.

Dávid Biró, wie sind Sie auf das Thema Gesichtserkennung aufmerksam geworden?

Dávid Biró: Mich haben weniger die politischen Aspekte als vielmehr die technologischen Möglichkeiten fasziniert. Es war im Jahr 2017, als Apple das iPhone 10 herausbrachte. Es war das erste Mal, dass diese Technologie für jedermann verfügbar war. Ich habe mir sofort eines dieser Telefone gekauft und angefangen auszuprobieren, wie es funktioniert. Wenn meine Bilder ausgestellt werden, sind einige von ihnen in Grün gerahmt, und das sind diejenigen, die meine Kamera als Gesicht erkannt hat, während die in Naturholz gerahmten Gesichter nur für uns als Gesichter zu sehen sind. Seltsamerweise höre ich nun von Besuchern meiner Ausstellung, dass ihre Telefone diese auch als Gesichter erkennen. Wir merken also, der Algorithmus entwickelt sich weiter. Wir glauben, dass wir unsere Aktivitäten kontrollieren, indem wir beispielsweise unsere Timeline auf Instagram kuratieren. Aber in der Zwischenzeit manipulieren diese Unternehmen unsere Aktivitäten, um uns zu zwingen, die Inhalte zu sehen, die sie uns gerne zeigen möchten.


Wie entsteht ein Motiv für Ihre Serie?

Ich komme in mein Studio, sammle mein Equipment und all diese verschiedenen Dinge zusammen – ich habe eine große Sammlung an Kartons und Papierstückchen – und versuche dann, ein Gesicht zusammenzusetzen. Dies kann eine Weile dauern, da mein Computer, mein Telefon oder meine Kamera sich ein Gesicht anders vorstellen als ich. So wird der Entstehungsprozess zu einer Kooperation mit ihren Algorithmen. Wenn der Kameraalgorithmus ein Gesicht erkennt, ist die Komposition abgeschlossen und das Bild fertig.

Ihre Kamera verwendet ähnliche Methoden wie staatliche Überwachungstools und Apps, um ein Gesicht zu erkennen. Worin sehen Sie das Problem des Überwachungskapitalismus?

Ich denke, es gibt generell ein Problem mit dem Data Harvesting, dem Sammeln gigantischer Datenmengen, wie man am Beispiel des Facebook-Cambridge-Analytica-Datenskandal sah. All diese uns digital abgenommenen Informationen können weitreichende Auswirkungen auf unser Leben haben, beispielsweise in der Politik. Sie können aber auch so manipuliert werden, dass damit falsche Informationen verbreitet werden. So verwirren die gesammelten Daten unsere Aufmerksamkeit. Sie werden verwendet, um uns wie soziale Medien zu manipulieren, aber auf unsichtbare Weise. Wir glauben, dass wir unsere Aktivitäten kontrollieren, indem wir beispielsweise unsere Timeline auf Instagram kuratieren. Aber in der Zwischenzeit manipulieren diese Unternehmen unsere Aktivitäten, um uns zu zwingen, die Inhalte zu sehen, die sie uns gerne zeigen möchten. Darin liegt die Gefahr. Wenn Sie genügend seltsame Freunde auf Facebook haben, dann sind Sie für Facebook auch seltsam.

Wir haben also neben unserem physischen Selbst auch ein digitales Selbst, das wir durch unsere Aktivitäten bei Apps, Online-Suchen und E-Commerce erschaffen. Glauben Sie, dass unser digitales Selbst ein Spiegelbild dessen ist, wer wir wirklich sind? Oder eher, was wir gerne wären? Oder, vielleicht noch schlimmer: was unsere Gesellschaft will?

Das ist eine schwierige Frage. Wir verhalten uns immer anders, nicht nur im Vergleich zu online und offline, sondern auch, wenn wir verschiedene Apps verwenden. Genauso wie wir uns verschiedenen Menschen gegenüber unterschiedlich verhalten. Was ich meine: Wenn Sie genügend seltsame Freunde auf Facebook haben, dann sind Sie für Facebook auch seltsam.

Dementsprechend haben wir etwa eine Amazon-Persönlichkeit oder eine Instagram-Persönlichkeit?

Ja, ich denke schon. Man folgt ja anderen Dingen auf Instagram als auf Facebook, und wahrscheinlich liegt es daran, dass diese Seiten andere Nutzen haben. Und jede App kuratiert uns in eine Richtung. Bevor Streaming-Dienste verfügbar waren, habe ich Songs von jeder verfügbaren Quelle heruntergeladen und mir die gesamte Diskografie des Künstlers angehört. Heutzutage bin ich auf Spotify und höre immer die gleichen Künstler über die Empfehlungen oder die Genres. Wir befinden uns dadurch in dem kleinen Kreis des Algorithmus. Auch wenn wir in Wirklichkeit ein tieferes Interesse hätten, ist das für den Algorithmus nicht zu erkennen.

 

 

Es ist fast so, als ob der Algorithmus nur in der Lage ist, eine zweidimensionale Persönlichkeit zu erzeugen, ähnlich den vereinfachten Porträts Ihrer Fotografieserie. Ihre Porträts zeigen keine entwickelten Gesichter, ebenfalls ist unser digitales Ich kein voll entwickelter Mensch.

Auf jeden Fall.

Ist es dann überhaupt gefährlich, wenn unser digitales Leben »geleaked« wird?

Vielleicht sind das nur Bruchteile von uns, aber man kann mit nur einem Prozent der Bevölkerung viel in den sozialen Medien bewegen. Bruchteile können große Auswirkungen auf die Welt haben. Das mag keine revolutionären Auswirkungen haben, aber die kleinen Veränderungen können auf lange Sicht große Umbrüche mit sich bringen.

Dieser Artikel ist thematisch an die Produktion Die Nase der Bayerischen Staatsoper angelehnt.