Vom Trauma zum kulturellen Widerstand 

Interview von Martina Borsche
Fotografie von Rebecca Storm

Lesedauer: 12 Min.

Benötigen wir Etiketten, um unsere Identität zu bestimmen? Wie wichtig sind etwa unsere Herkunft, unsere Religion, unsere Hautfarbe und unsere sexuelle Orientierung dafür, was uns ausmacht? 
Die Autorin und multidisziplinäre Künstlerin Fariha Róisín plädiert für Labels als transformative Werkzeuge und zeigt, wie wir durch die Kennzeichnung unserer selbst einen offenen Raum für Diskurs und Veränderung schaffen können.

Ihr erster Gedichtband »How to Cure a Ghost«, der 2019 erschienen ist, greift Themen wie Islamophobie, die Erfahrung sexueller Übergriffe und generationenübergreifende Traumata auf. In der Autorinnennote werden Sie als »junge, queere, muslimische Femme, die sich mit den Schwierigkeiten ihrer Intersektionalität auseinandersetzt« bezeichnet. Wie erklären Sie diese Attribute jemandem, der vor 1980 geboren wurde? Und sind das Etiketten, die Sie sich selbst gegeben oder die Sie von anderen erhalten haben? 

Fariha Róisín: Ich glaube, es ist eine sehr unglückliche, weiß-suprematistisch-koloniale Tendenz, alles mit einem bestimmten Etikett zu versehen. Ich bin Kind aus einer bangladeschisch-muslimischen Familie in Australien,  in Kanada geboren. Meine Familie ist gemischt, meine Eltern sind es auch. Aber sie sehen sich nicht als gemischt, weil sie den Bürgerkrieg 1971 überlebt haben. Ihre Identität ist gerade deshalb sehr starr, weil sie so hart für ihre Souveränität gekämpft haben. Sie sind nicht wirklich an ihrer Mehrdimensionalität interessiert. Aber für mich, weil meine Beziehung zu mir selbst anders ist und weil ich in dieser seltsamen Zeit aufgewachsen bin, in der ich sowohl Prä- als auch Postinternet bin, und weil ich in einem überwiegend weißen Land aufgewachsen bin, war ich alles, aber ich passte nirgendwo hinein. Und obwohl es andere Mädchen wie mich an meiner Schule gab, andere People of Color, passte ich nicht zu ihnen. Ich war von Natur aus frühreif, habe mich immer schon sehr zu vielen verschiedenen Dingen hingezogen gefühlt, und ich glaube, das resultierte in Wahrheit aus der Isolation. Da ich ein ziemlich turbulentes Leben zu Hause hatte, hatte ich das Gefühl, nie normal sein zu können, vor allem im Vergleich zu Familien mit liebevollen Eltern. An einem bestimmten Punkt beschloss ich, alles zu sein. 
Als ich anfing, How to Cure a Ghost zu schreiben, erkannte ich den Wert, eine  »Multi-hyphenate«-Person zu sein, eine, die sich aus Anteilen mit mehreren Bindestrichen zusammensetzt, und wie radikal es war, sich zu weigern, etwas zu sein, das jemand anderes für mich wollte. 

Es liegt eine Kraft darin, seine Etiketten zurückzunehmen, sie neu zu gestalten und sie offen zu tragen.

Viele Menschen in meinem Leben haben gesagt: »Du kannst dich nicht als Muslimin bezeichnen«, wegen X, Y, Z. Als muslimisches Kind, das eine wirklich gute Beziehung zum Islam hatte, wurde ich mit solcher Ehrfurcht erzogen. Ich verstehe die Schönheit des Islam und die kulturellen Artefakte des Islam. Historisch gesehen war die Queerheit ein Teil der muslimischen Gesellschaft, allerdings wurden diese Dinge alle verdrängt und verschoben; und natürlich hat sich die Rhetorik völlig verändert. Als queere Muslimin habe ich das Gefühl, dass ich auf etwas Uraltes zurückgreife. Wir müssen erkennen, wie gewalttätig die Zentralisierung ist, und, offen gesagt, wie uninteressant. Für mich war ein Gedanke: Niemand versteht mich, und deshalb weigere ich mich, so zu tun, als ob ich verständlich bin. Ich werde alle Beschreibungen verwenden, die ich für mich selbst empfinde. Vielleicht habe ich in ein paar Jahren mehr, sogar bessere Beschreibungen für diese Dinge. Aber im Moment ist es so, wie ich mich fühle, und ich glaube, dass das einen Wert hat.

Sie sprechen darüber, wie Sie sich als queere Muslimin wieder mit dem Islam verbinden. Wie geht man damit um, ein Etikett anzunehmen, das oft religiös ist und dessen Grundprinzipien Sie verleugnen? Ich glaube, viele Menschen in der LGBTQ+-Gemeinschaft kämpfen damit, wie oder ob sie die Religion in ihr Leben integrieren können.

Religion ist in vielerlei Hinsicht so gefährlich, weil sie dem Menschen zum Opfer gefallen ist. Diese Starrheit, Struktur und das Dogma – im Gegensatz zum Geist und zur Verbindung mit dem Göttlichen: Ich glaube, dass jeder Mensch ein Recht hat, das zu fühlen. Und es ist traurig, dass die Religion die Menschen darauf konditioniert hat zu glauben, dass man nur durch den einen bestimmten Glauben Zugang zu Gott hat. Das ist meiner Meinung nach totaler Blödsinn. Ich bin sehr glücklich darüber, den Islam zu vertreten. Als Kind habe ich eine Menge Islamophobie erfahren, weil ich eine so gute Beziehung zum Islam hatte. Nach dem 11. September habe ich mich extrem geschämt und war verwirrt. Gottlosigkeit wird fast wie eine Droge, bei der man denkt, dass man nie akzeptiert werden wird – also: »Scheiß auf alles«. Die Veränderung, die wir kollektiv vornehmen müssen, ist, denke ich, ein Akt des Glaubens und ein Akt der göttlichen Liebe. Ich weiß, es klingt kitschig, aber ich glaube das wirklich.

 

Unsere Welt ist heute offener für eine vielfältige Lebensweise, aber ist sie auch gefährlicher, weil einige in ihrer Angst vor dem anderen verhärteter geworden sind. Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Existenz von politischen Institutionen, aber auch von reaktionären gesellschaftlichen Kräften angegriffen, untergraben und übersehen wird?

Wir wussten, dass das passieren würde, oder? Das ist die natürliche Vergeltung der Kolonialisierung, denn an einem bestimmten Punkt würden sich die Menschen erheben. Wir haben sehr lange so getan, als wäre weiße Vorherrschaft normal. Aber die jüngsten Morde an schwarzen Menschen in den USA haben den Diskurs sehr schnell verändert. Ich bin Marxistin und Sozialistin in der vierten Generation, also denke ich: »Toll! Das ist Revolution. Ich bin glücklich.«  Aber ich gebe zu, dass es mehr Menschen gefährdet hat. Ich sehe das aus einer privilegierten Perspektive, oder vielleicht auch nicht, denn natürlich steht auch mein Körper auf dem Spiel, aber ich denke, all das ist ein guter und notwendiger Teil der Evolution. Die Revolution muss stattfinden. Und wir müssen uns jetzt mit den sehr hässlichen Teilen der Gesellschaft auseinandersetzen, die lange verborgen waren.

Inwieweit sind wir verpflichtet, uns und unsere Bezeichnungen zu erklären, oder ist es die Aufgabe der anderen, sie zu verstehen?

Meine Schwester hasst Etiketten, und sie ordnet sich selbst nichts zu. Die Menschen haben ihre eigene existenzielle Bindung daran, wie sie gesehen werden wollen. Ich glaube, wir sind eine sehr fortschrittliche Gesellschaft, die ein bisschen mehr Chaos, mehr Dimensionen und Vielfalt zulässt und den Menschen auch erlaubt, unbekannt zu sein. Sich selbst so zu präsentieren, wie man gesehen werden möchte, ist eine sehr kraftvolle Sache. Das heißt, wenn Sie sich nicht selbst bezeichnen wollen, müssen Sie das auch nicht. Einige mögen diese Vielfältigkeit für eine Modeerscheinung halten. Aber es gibt eine lange Geschichte von zwei getrennten Geschlechtsidentitäten sowie auch nichtbinären Identitäten – in Indien zum Beispiel die Hijra, die eine dritte Identität ist, eine legale Identität. In vielen Kulturen gibt es diese Art von Vielfältigkeit und das Verständnis, dass man eins sein kann und vieles sein kann. Ich glaube, dass der Kampf gegen das System viel damit zu tun hat, dass man die Art und Weise, wie man im System existiert, wiederherstellt und umstrukturiert. Ich denke, es bedeutet, dass man es komplett zum Einsturz bringt und neu beginnt.

Wir können also keine Etiketten haben, aber können wir auch zu viele haben? Wann nehmen Etiketten überhand und reduzieren oder nehmen sogar die Individualität eines Menschen? Erschöpfen zu viele Etiketten unsere Psyche?

Ich möchte nicht für andere sprechen, sondern nur für mich selbst. Für mich sind Etiketten von Natur aus transformativ. Sie haben mir diese Art von Weite ermöglicht, die ich für mich selbst und mein Leben gesucht habe. Es war eine Erleichterung, einfach zu sein. Ich kann eine Überlebende sein und auch ein Clown sein. Ich kann Dimensionalität haben. Ich kann Widersprüche haben. Ich bin nicht daran interessiert, stromlinienförmig zu sein. Man kann so viel Weisheit daraus gewinnen zu sein, wer man ist, solange es keine Selbstdarstellung ist, sondern das authentische Selbst.
Vielleicht ist das der einzige Rat, den ich geben kann. Es geht nicht um Individualität, denn ich weiß nicht einmal, was das bedeutet. Authentizität verstehe ich. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es unendlich viele Lügen gab. Alles war Fassade. Man präsentiert sich und der Rest passiert hinter verschlossenen Türen. Es ist nicht so, dass die Menschen die Komplexität nicht beherrschen können, sondern dass sie das Gefühl haben, einen großen Anteil ihrer selbst zu verstecken. Das ist an sich schon sehr gefährlich. Wenn man sich versteckt, vor allem wegen eines Traumas oder kultureller oder religiöser Scham, sind wir anderen gegenüber umso unehrlicher. Für mich ist der schwierige und gefährliche Teil der Gesellschaft, das es in Ordnung zu sein scheint, sich zu verstecken. 

Oft finden wir den größten Widerstand in unseren eigenen Reihen.

Ich erlebe das oft im Feminismus und vielleicht haben Sie das auch schon erlebt? Eine Menge Frauen, die nur ein bisschen älter sind als ich, und vor allem andere People of Color, sind unglaublich wettbewerbsorientiert und haben sich mir in den Weg gestellt. Es ist wirklich faszinierend zu sehen, wie besonders diejenigen, die uns nahe stehen – oder eine ähnliche Identität haben wie wir – feindselig sein können. Es ist fast so, als ob du deinen Kampf kämpfen musst; aus irgendeinem Grund sind wir eher desinteressiert daran, den Kampf eines anderen zu kämpfen oder uns überhaupt Gedanken um den Kampf eines anderen zu machen.

Auch zwischen den Generationen scheint es dieses seltsame Verständnis zu geben, dass man nicht voneinander lernen kann, vor allem nicht von einer jüngeren Generation: Hält uns das nicht von einer breiteren Diskussion ab?

Wir sehen auch nicht, wie herablassend es ist. Ich denke, es kommt immer auf die Bescheidenheit an. Jeder kann ein Lehrer sein. Als Schriftstellerin habe ich das Gefühl, dass ich sehr viel von meiner Weisheit aus Gesprächen mit anderen Menschen gewonnen habe. Wir wissen diese Dinge insgesamt einfach nicht genug zu schätzen.

Können Sie etwas über die Heilung sagen, die durch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft entsteht?

Die Pandemie hat mich wirklich gestärkt, weil sie mich mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert hat. Ich habe erkannt, dass dieses Leben endlich ist. Es ist es nicht wert, etwas anderes zu sein als das, was man ist. Du musst ehrlich sein, was die Liebe und dein Herz betrifft. Und das bedeutet, wahre Gemeinschaft zu finden. Es bedeutet, Menschen zu finden, die in der Lage sind, dich zu unterstützen, wenn du schwierige Zeiten durchlebst. Es geht darum, eine Gemeinschaft aufzubauen, die dich wirklich schätzt.

Sie haben das Trauma erwähnt, das Sie in Ihrer Kindheit erlebt haben, insbesondere in Bezug auf Ihre Mutter; das arbeiten Sie auch in Ihren Gedichten auf. Inwieweit erben wir bestimmte Etikettierungen durch intergenerationale Traumata? Wie gehen wir damit um, den Schmerz anderer zu akzeptieren oder neu zu gestalten?

Es ist unerträglich, zur Quelle des Schmerzes zurückzukehren und damit zu beginnen, dieses Narrativ neu zu verknüpfen.
Mir wurde fast immer gesagt, ich sei wertlos. Ich glaube nicht, dass das eine außergewöhnliche Erfahrung ist. Wahrscheinlich haben viele von uns auf die eine oder andere Weise extrem negative Botschaften erhalten, von Menschen, die sich eigentlich um uns kümmern sollten. Man muss sich mit seinem eigenen mentalen Muster auseinandersetzen. Und wenn du das nicht tust, wird sich auch nichts ändern, egal wie oft du in deinem Leben Yoga machst.

Wenn wir an Trauma denken, denken wir oft an tief sitzende, schreckliche Erfahrungen, aber Sie sagen, dass wir alle bis zu einem gewissen Grad traumatisiert sind und dass die Bewältigung selbst des kleinsten Problems zur Linderung des Traumas beitragen kann.

Es geht nicht um die Frage »Wer hat das schlimmere Trauma.«  Ich möchte Gemeinsamkeiten finden. Ich möchte den Schmerz und das Elend der anderen verstehen und auch, was sie gefesselt hat und was sie zu heilen versuchen. Jetzt, wo wir  Platz für verschiedene Arten von Menschen in der Gesellschaft schaffen, bin ich begeistert, dass wir in diesem neu entstehenden Raum in der Lage sind, die Kurzschrift zu verstehen, die nötig ist, um miteinander zu kommunizieren. Es mag sich abgegriffen anhören, aber Liebe berührt die Menschen mehr als Hass. Hass ist so einfach, eine Voreinstellung. Für mich ist meine Arbeit in der Liebe verwurzelt, im Glauben an die Menschen, in der Liebe zu den Menschen, dem Wunsch, eine bessere Welt zu schaffen, und zwar wirklich.

Dieser Artikel ist thematisch an die Produktion Die Nase der Bayerischen Staatsoper angelehnt.